 eine schweizerische
Wissenschaft glauben. Das Alpenglühen und die Alpenrosenpoesie sind aber bald
erschöpft, einige gute Schlachten bald besungen, und zu unserer Beschämung
müssen wir alle Trinksprüche, Mottos und Inschriften bei öffentlichen Festen aus
Schillers Tell nehmen, welcher immer noch das Beste für dieses Bedürfnis
liefert. Und was die Wissenschaft betrifft, so bedarf diese gewiss noch weit mehr
des großen Weltmarktes und zunächst der in Sprache und Geist verwandten größeren
Völker, um kein verlorener Posten zu sein. Der französische Schweizer schwört zu
Korneille, Racine und Moliere, zu Voltaire oder Guizot, je nach seiner Partei,
der Tessiner glaubt nur an italienische Musik und Gelehrsamkeit, und der
deutsche Schweizer lacht sie beide aus und holt seine Bildung aus den tiefen
Schachten des deutschen Volkes. Alle aber sind bestrebt, alles nur zur größeren
Ehre ihres Landes zurückzubringen und zu verwenden, und viele geraten sogar über
diesem Bestreben in ein gegen die Quellen undankbares und lächerliches Zopftum
hinein.«
    »Es ist vielleicht«, wandte Heinrichs Begleiter ein, »ein unbescheidener
Missbrauch, welchen ich mit einem wackeren Volke treiben möchte, wenn ich auf
meiner alten Behauptung beharre und sogar wünsche, dass ihr es einmal
versuchsweise darauf anlegtet, in allen Dingen ganz selbständig und naturwüchsig
zu sein und ganz auf eurem Boden eine eigene Weisheit zu pflegen. Dem Lande wie
seiner Verfassung eigenst angemessen, müsste gewiss etwas Frisches und für uns
andere Erbauliches zustande kommen. Sie würden vielleicht umkehren, junger Mann,
wenn Sie wüssten, wie sich bei uns großen Nationen die Bildung im ewigen Kreise
herumdreht, wie einflusslos unsere Heroen, die in jedermanns Munde sind, an
unserm innersten Herzen vorübergehen und wie bis zur dumpfen Verzweiflung sich
Ungeschmack und Unsinn jeden andern Tag wieder so breit macht, als wäre er nie
überwunden worden!«
    Mit diesen Worten stieß der Graf einen ziemlichen Seufzer aus; Heinrich aber
schüttelte den Kopf und sagte:
    »Nein, nein! erstens tun Sie sich selbst unrecht, und zweitens können wir
uns doch nicht abschließen! Zu einer guten patriotischen Existenz braucht es
jederzeit nicht mehr und nicht weniger Mitglieder, als gerade vorhanden sind.
Mit den Kulturdingen ist es anders; da sind vor allem gute Einfälle, soviel als
immer möglich, notwendig, und dass deren in vierzig Millionen Köpfen mehrere
entstehen als nur in zwei Millionen, ist außer Zweifel!«
    »Das ist freilich ein praktischer und triftiger Grund!« sagte der Graf mit
herzlichem Lachen, »ich will Ihnen ferner auch nichts einwenden und wünsche
Ihrer Jugend wie Ihren Hoffnungen das beste Gedeihen. Es sollte mich recht
freuen, später einmal zu erfahren, wie Sie Ihre Rechnung befunden haben. Ich
verlasse mich auch darauf; denn wenn man mit so klarem, schönem Willen in die
Welt geht, so
