 auf einen Tag brotlos zu werden, er hat gar
keine Ahnung davon, wie sich die Vögel und die Lilien des Feldes ohne ein fixes
Einkommen nähren und kleiden, und daher hat er sich der Geltendmachung seiner
eigenen Meinungen begeben. Schon mehr als einmal, wenn durch den Parteienkampf
Regierungswechsel herbeigeführt wurden und der siegende Teil den unterlegenen
durch ungesetzliche Maßregeln zwacken wollte, hat er sich wie ein Ehrenmann in
seinem Amte dagegen gestemmt, aber das, was er seinem Temperament nach am
liebsten getan hätte, nämlich der Regierung sein Amt vor die Füße zu werfen,
sich an die Spitze einer Bewegung zu stellen und mittelst seiner Einsicht und
seiner Energie die Gewaltaber wieder dahin zu jagen, von wannen sie gekommen
das hat er unterlassen, und dies Unterlassen kostet ihn zehnmal mehr Mühe und
Bitterkeit als seine ununterbrochene arbeitsvolle Amtsführung. Den Landleuten
gegenüber braucht er nur zu leben, wie er es tut, um in seiner Würde fest zu
stehen. Bei den Behörden aber und in der Hauptstadt braucht es manches
verbindliche Lächeln, manche wenn auch noch so unschuldige Schnörkelei, wo er
lieber sagen würd: Herr! Sie sind ein großer Narr! oder Herr! Sie scheinen ein
Spitzbube zu sein! Denn wie gesagt, er hat ein dunkles Grauen vor dem, was man
Brotlosigkeit nennt.«
    »Aber zum Teufel!« sagte ich, »sind denn unsere Herren Regenten zu
irgendeiner Zeit etwas anderes als ein Stück Volk, und leben wir nicht in einer
Republik?«
    »Allerdings, mein lieber Sohn!« erwiderte der Schulmeister; »allein es
bleibt eine wunderbare Tatsache, wie besonders in neuerer Zeit ein solches Stock
Volk, ein repräsentativer Körper durch den einfachen Prozess der Wahl sogleich
etwas ganz merkwürdig Verschiedenes wird, einesteils immer noch Volk und
andernteils etwas dem ganz Entgegengesetztes, fast Feindliches wird. Es ist wie
mit einer chemischen Materie, welche durch das bloße Eintauchen eines Stäbchens,
ja sogar durch bloßes Stehen auf geheimnisvolle Weise sich in ihrem ganzen Wesen
verändert. Manchmal will es fast scheinen, als ob die alten patrizischen
Regierungen mehr den Grundcharakter ihres Volkes zu zeigen und zu bewahren
vermochten. Aber lasse dich ja nicht etwa verfahren, unsere repräsentative
Demokratie nicht für die beste Verfassung zu halten! Besagte Erscheinung dient
bei einem gesunden Volke nur zu einer wohltätigen Heiterkeit, da es sich mit
aller Gemütsruhe den Spaß macht, die wunderbar verwandelte Materie manchmal
etwas zu rütteln, die Phiole gegen das Licht zu halten, prüfend hindurchzugucken
und sie am Ende doch zu seinem Nutzen zu verwenden.«
    Den Schulmeister unterbrechend, fragte ich, ob denn der Stattalter als ein
Mann von solchen Kenntnissen und solchem Verstande sich nicht reichlicher durch
eine Privattätigkeit ernähren könnte als durch ein Amt? Worauf er antwortete
»Dass er dies nicht
