 erholen als die magere Bettelsuppe der Verstellung, der
Gnadenseligkeit und der romantischen Verderbnis, da entsagen alle, weil allen
die Trauben zu sauer sind, und die Fuchsschwänze schlagen mit bittersüssem Wedeln
um die dürren Flanken. Was aber die Meinung der Fremden betrifft (hier wandte er
sich wieder mehr an mich), so werdet Ihr einst auf Euren Reisen lernen, weniger
darauf zu achten. Man macht den Engländern und den Amerikanern die gleichen
Vorwürfe der Engherzigkeit, des Eigennutzes; uns, die wir als kleine Schar unter
den Tadlern leben, hängt man scharfsinnigerweise noch die Kleinlichkeit an; wenn
Ihr aber einst die Grenzen überschreitet, so werdet Ihr erleben, dass der große
Sinn nicht mit den Quadratmeilen zunimmt und, wo etwas dergleichen in den Lüften
zu schweben scheint, es eigentlich nur ein trügerischer Wolkenmantel der
Unentschlossenheit und der Verzweiflung ist.«
    Nach dieser Rede schüttelte uns der Stattalter die Hände und entfernte
sich. Ich war indessen nicht überzeugt worden, sowenig als dem Schulmeister die
Wendung des Gesprächs zu behagen schien. Doch kamen wir darin überein, dass er
ein liebenswürdiger und kluger Mann sei, und indem ich ihm, mich durch seine
Ansprache geehrt fühlend, wohlwollend nachblickte, pries ich ihn gegen den
Schulmeister als einen verdienstvollen und daher gewiss glücklichen Mann. Der
Schulmeister schüttelte aber den Kopf und meinte, es wäre nicht alles Gold, was
glänze. Er hatte seit einiger Zeit angefangen, mich zu duzen, und fuhr daher
jetzt fort »Da du ein nachdenklicher Jüngling bist, so gebührt es dir auch,
früher als viele einen Blick in das Leben der Menschen zu gewinnen; denn ich
halte dafür, dass die Kenntnis recht vieler Fälle und Gestaltungen jungen Leuten
mehr nützt als alle moralischen Theorien; diese kommen erst dem Manne von
Erfahrung zu, gewissermaßen als eine Entschädigung für das, was nicht mehr zu
ändern ist. Der Stattalter eifert nur darum so sehr gegen das, was er Entsagung
nennt, weil er selbst eine Art Entsagender ist, das heißt weil er selbst
diejenige Wirksamkeit geopfert hat, die ihn erst glücklich machen würde und
seinen Eigenschaften entspräche. Obgleich diese Selbstverleugnung in meinen
Augen eine Tugend ist und er in seiner jetzigen Wirksamkeit so verdienstlich und
nützlich dasteht, als er es kaum anderswie könnte, so ist er doch nicht dieser
Meinung, und er hat manchmal so düstere und prüfungsreiche Stunden, wie man es
seiner heiteren und freundlichen Weise nicht zumuten würde. Von Natur nämlich
ist er ebenso feuriger Gemütsart als von einem großen und klaren Verstande
begabt und daher mehr dazu geschaffen, im Kampfe der Grundsätze beim
Aufeinanderplatzen der Geister einen tapfern Führer abzugeben und im großen
Menschen zu bestimmen, als in ein und demselben Amte ein stehender Verwalter zu
sein. Allein er hat nicht den Mut,
