 blieben warum
denn nicht ebenso gern an eine Unschuld des Glückes, ja der Geburt glauben als
an eine Schuld des Missgeschickes, der Vorherbestimmung? Solchen Glücklichen,
welche, ohne zu wissen warum und wie, gerecht und rein sind, die Phantasie
verderben und verunreinigen mit dem Gedanken angeborener ekler Sündlichkeit, ist
im höchsten Grade unnütz und abgeschmackt, und wenn man nicht zu ihnen gehört,
für sich selber das Bekenntnis der Sünden professionsmässig betreiben, verwandelt
jene natürliche und unbefangene Selbsterkenntnis mit einem Schlage in ein
manieriertes Zopftum, aus welchem mich eine unsägliche frostige Nüchternheit und
Schlaffheit anweht. Daher gedeiht diese Lehre am besten bei den entnervten und
erschöpften Seelen; denn die Manierierteit ist der Zeremonienmeister des
Unvermögens auf jedem Gebiete, und sie ist es, welche die frischen Geister von
jedem Gebiete wegscheucht, wo sie sich breitmacht.
    Nach der Lehre von der Sünde kam gleich die Lehre vom Glauben, als der
Erlösung von jener, und auf sie ward eigentlich das Hauptgewicht des ganzen
Unterrichtes gelegt; trotz aller Beifügungen, wie dass auch gute Werke vonnöten
seien, blieb der Schlussgesang doch immer und allein der Glaube macht selig! und
dies uns einleuchtend zu machen als herangewachsenen jungen Leuten, wandte der
geistliche Mann die möglichst annehmliche und vernünftig scheinende Beredsamkeit
auf. Wenn ich auf den höchsten Berg laufe und den Himmel abzähle, Stern für
Stern, als ob sie ein Wochenlohn wären und ich sie sämtlich in der Hosentasche
hätte, so kann ich darunter kein Verdienst des Glaubens entdecken, und wenn ich
mich auf den Kopf stelle und den Maiblümchen unter den Kelch hinaufgucke, so
kann ich nichts Verdienstliches am Glauben ausfindig machen. Wer an eine Sache
glaubt, kann ein guter Mann sein, wer nicht, ein ebenso guter. Wenn ich zweifle,
ob zwei mal zwei vier seien, so sind es darum nicht minder vier, und wenn ich
glaube, dass zwei mal zwei vier seien, so habe ich mir darauf gar nichts
einzubilden, und kein Mensch wird mich darum loben. Wenn Gott eine Welt
geschaffen und mit denkenden Wesen bevölkert hätte, darauf sich in einen
undurchdringlichen Schleier gehüllt, das geschaffene Geschlecht aber in Elend
und Sünde verkommen lassen, hierauf einzelnen Menschen auf außerordentliche und
wunderbare Weise sich offenbart, auch einen Erlöser gesendet unter Umständen,
welche nachher mit dem Verstande nicht mehr begriffen werden konnten, von dem
Glauben daran aber die Rettung und Glückseligkeit aller Kreatur abhängig gemacht
hätte, alles dieses nur, um das Vergnügen zu genießen, dass an Ihn geglaubt
würde, Er, der seiner doch ziemlich sicher sein dürfte so würde diese ganze
Prozedur eine gemachte Komödie sein, welche für mich dem Dasein Gottes, der Welt
und meiner selbst alles Tröstliche und Erfreuliche benähme. Glaube! O wie
unsäglich blöde klingt mich dies
