 Doch die Natur bot sie mir nur spärlich, sich einer volleren
Gesundheit erfreuend, als mit meinen Wünschen verträglich war, und was ich an
unglücklichem Gewächse vorfand, das wurde meinen überreizten Augen bald zu blöde
und harmlos, wie einem Trinker, der nach immer stärkerm Schnapse verlangt. Das
blühende Leben in Berg und Wald fing daher an, mir gleichgültig zu werden im
einzelnen, und ich streifte vom Morgen bis zum Abend in der Wildnis umher, ohne
etwas zu tun, und überließ mich einem träumerischen Müssiggange. Ich ging immer
schwer bepackt früh hinaus, warf mich an einer einsamen Stelle nieder und
verzehrte zuerst die Esswaren, so mir die Mutter für den ganzen Tag mitgegeben;
alsdann las ich in einem mitgenommenen Buche, schaute in die Wellen der
plaudernden Bäche, machte mit jedem Stein Bekanntschaft und wiederholte wohl gar
längst vergessene kindische Spiele, wie wenn ich dieselben vor Jahren nicht ganz
ausgespielt hätte, indem ich allerlei Wasserbauten aufführte, irrende Insekten
verfolgte und schamhaft um mich spähte, ob mich niemand dabei belausche. Auch
sah ich Tag für Tag das Hervordringen des grünen jungen Laubes und beobachtete
genau, wie ein und derselbe Baum nach und nach voll und rund wurde und die
hervorkeimenden Pflanzen am Boden mit Blumen endigten, deren Art ich neugierig
erwartet hatte. Ich drang immer tiefer in bisher nicht gesehene Winkel und
Gründe; fand ich eine recht abgelegene und geheimnisvolle Stelle, so ließ ich
mich dort nieder und fertigte rasch eine Zeichnung eigener Erfindung an, um ein
Produkt nach Hause zu bringen. In derselben häufte ich die seltsamsten Gebilde
zusammen, die meine Phantasie hervorzutreiben vermochte, indem ich die bisher
wahrgenommenen Eigentümlichkeiten der Natur mit meiner erlangten Fertigkeit
verschmolz und so Dinge hervorbrachte, die ich Herrn Habersaat als in der Natur
bestehend vorlegte und aus denen er nicht klug werden konnte. Er gratulierte mir
zu meinen Entdeckungen und fand seine Aussprüche über meinen Eifer und mein
Talent bestätigt, da ich hiemit beweise, dass ich unverkennbar ein scharfes und
glückliches Auge für das Malerische hätte und Dinge auffände, an welchen tausend
andere vorübergingen. Diese gutmütige Täuschung erweckte mir eine üble Lust,
dergleichen fortzusetzen und es förmlich darauf anzulegen, den guten Mann zu
hintergehen. Ich erfand, irgendwo im Dunkel des Waldes sitzend, immer tollere
und mutwilligere Fratzen von Felsen und Bäumen und freute mich im voraus, dass
sie mein Lehrer für wahr und in nächster Umgebung vorhanden erachten würde. Doch
mag es mir zu einiger Entschuldigung gereichen, dass ich in alten Kupferblättern,
z.B. von Swanefeldt, die abenteuerlichsten Formationen als löbliche Meisterwerke
vorgebildet sah und selbst der guten Meinung lebte, dieses sei das Wahre und
immerhin eine gute Übung. Denn schon waren die edlen und gesunden Formen Klaude
Lorrains im flüchtigen Jugendgemüte wieder unter die Oberfläche
