 das wenige, was er besaß seines und seiner Mutter Leben.
    Gegen Mittag fuhr der Postwagen durch ein großes ansehnliches Dorf, wie sie
in der flachern Schweiz häufig sind, wo Fleiß und Betriebsamkeit, im Lichte
fröhlicher Aufklärung und unter oder vielmehr auf den Flügeln der Freiheit, aus
dem schönen Lande nur eine freie und offene Stadt erbauen. Weiß und glänzend
standen die Häuser längs der breiten sauberen Landstraße, dehnten sich aber auch
in die Runde, mannigfaltig durch Baumgärten schimmernd. Auch vor dem geringsten
war ein Blumengärtchen zu sehen, und im ärmsten derselben blühten eine Hyazinte
oder einige Tulpen hervor, Pflanzen, welche sonst nur von Vermöglicheren gezogen
wurden. Es ist aber auch nichts so erbaulich, als wenn durch einen ganzen
Landstrich eine fromme Blumenliebe herrscht. Ohne dass die Hausväter im
geringsten etwa unnütze Ausgaben zu beklagen hätten, wissen die Frauen und
Töchter durch allerlei liebenswürdigen Verkehr ihren Gärten und Fenstern jede
Zierde zu verschaffen, welche etwa noch fehlen mag, und wenn eine neue Pflanze
in die Gegend kommt, so wird das Mitteilen von Reisern, Samen, Knollen und
Zwiebeln so eifrig und sorgsam betrieben, es herrschen so strenge Gesetze der
Gefälligkeit und des Anstandes darüber, dass in kurzer Zeit jedes Haus im Besitze
des neuen Blumenwunders ist. So sind in neuerer Zeit eine der schönsten
Erscheinungen die Georginen. Vor zehn oder fünfzehn Jahren blühten sie nur noch
in den stattlich umhegten Gärten der Reichen, in der Nähe der Städte oder vor
glänzenden Landhäusern; dann verbreiteten sie sich unter dem Mittelstande, sich
zugleich in hundertfarbigen Arten entfaltend durch die Kunst der Gärtner, und
jetzt steht ein Strauch dieser merkwürdigen Blume, wo nur ein Fleck Erde vor der
Hütte des ländlichen Tagelöhners frei ist. Wie die flüchtig wandernden
Stammväter eines später großen Weltvolkes sind die ersten einfachen Exemplare
der Georginen aus dem fernen Reiche der Montezumas herübergekommen, und schon
bedecken ihre Enkel zahllos unsere Gärten, aus der Tiefe ihrer Lebenskraft
entwickeln sie eine endlose Farbenpracht, wie sie die Hochebenen Mexikos nie
gesehen haben. Kinder des neuweltlichen Westens, herrschen sie nun neben den
Kindern des alten Ostens, den Rosen, wie sonst keine Blume. Freilich noch immer
geben diese allein den süßen Duft und jenes kühlende Rosenwasser, welches
krankgeweinte Augen erfrischt, und noch immer eignen sie sich am besten dazu,
einen vollen Becher zu schmücken. Aber darin wetteifern die bunten Scharen
Amerikas mit dem glühenden Rosenvolke des Morgenlandes, dass sie mit
unverwüstlicher Lebenslust unser Herz bis an das Ende des Jahres begleiten und
ihre samtenen Brüste öffnen, bis der kalte Schnee in sie fällt.
    Hell und aufgeweckt erschien das Dorf, durch welches die Reisenden fuhren,
in vielen Erdgeschossen erblickte man die Abzeichen von Gewerben Uhrmachern,
Kürschnern, sogar Goldschmieden, und von Krämereien, welche man sonst
