 Skalen und
Tonarten begriffen. Ich war nun ein für allemal vor die Tür gesetzt; wenn wir
sangen, nachdem der Lehrer auf seiner Geige den Ton angegeben, krähete ich mit
heller Stimme, traf immer sicher und wurde öfter gebraucht, die Höhe des Tones
zu halten. Sollte ich aber das Lied lesen, so stockte ich bald und wurde als
böswillig bezeichnet.
    Überall war dieser unselige Zwiespalt zwischen klarem Zweck und scheinbarer
Zwecklosigkeit, zwischen vorausgenommener Fertigkeit in diesem Ganzen und
nachschleppendem Unverständnis jenes Einzelnen. Und doch war die Anstalt gut und
besser als viele andere; denn das Übel liegt oder lag in der ganzen
Erziehungsweise, in den verwendeten Menschen. Der Staat gibt die rechte Parole
und bringt die größten Opfer, mit denen er seiner Ehre genügt; aber ehe sie
Früchte tragen, muss die ganze alte Generation der Pädagogen aussterben und ein
neues Geschlecht entstehen, welches ein ganz anderes Fühlen, Sehen und Hören
mitbringt als das alte.
    Doch als ich mich ungefähr dem funfzehnten Jahre näherte und die Stimme sich
zu verändern begann, brach durch alle Verwirrung hindurch ein helleres Licht; in
dem Masse als man uns Heranwachsende ernster, aber auch rücksichtsvoller
behandelte, fing an die eigentliche Lernbegierde aufzutauen, und wie ich ahnte,
dass alle Kenntnisse wohl ineinander münden und sich zu einem lichten Zwecke
verflechten würden, lernte ich die wirkliche und gewissenhafte Mühe kennen,
welche nicht nur mit dem Talente spielen, sondern auch mit Lust arbeiten kann.
Ich freute mich mit andern auf die höheren Klassen, welche wir bald antreten
sollten, und wir warfen hoffnungsvolle Blicke in die wohlbestellten und
geordneten Sammlungen, auf die mannigfaltigen Mittel, die jenen zu Gebote
standen, auf das gesetzte und selbständigere Wesen, das dann seinen Anfang
nehmen sollte. Ich fühlte die Wichtigkeit und nötige Fruchtbarkeit der nächsten
Jahre; zu welchem Lebensberufe ich mich dann entscheiden würde, darüber konnte
ich mir noch keine Rechenschaft geben. Denn auch insofern war die Anstalt
vortrefflich geschaffen, dass gegen das Ende ihrer Studien, mitten aus ihr
heraus, mit vollem Überblicke man sich einen Entschluss fassen konnte, ja musste,
wer nicht durch früh ausgesprochene Neigung schon bestimmt war. Nur zwei
Richtungen drängten sich deutlicher vor meine Augen und spielten unbestimmt
ineinander. Es war der große Zeichnungssaal mit seinen vielen Gipsabgüssen,
schönen Kunstvorlagen und dem ganzen künstlerischen Treiben darin, und
anderseits die tiefere und ausführlichere Behandlung der Sprache, das Lesen und
Erklären von Schriftstellern verschiedener Zungen, worauf ich mich freute und
welche ich ganz zu benutzen mir vornahm. Allein zwischen der Zukunft und der
Gegenwart lag noch eine tiefe und breite Kluft.
    Es lehrte an unserer Schule ein Mann, welcher mit wahrer Herzensgüte und
ehrlichem Sinne eine große Unerfahrenheit, mit der Jugend umzugehen, und ein
schwächliches und seltsames Äußeres
