 finden; niemand küsst
sich als die Kinder und die Liebenden und selbst diese mit mehr Dezenz als die
gebildete und sich bewusste Gesellschaft. Dass Männer einander küssten, wäre
unerhört und überschwenglich lächerlich. Nur große Ereignisse und Schicksale
können hierin eine Ausnahme bewirken.
    Als Heinrich Lee mit schnellen Schritten nach dem Postause hinlief und
einige Minuten darauf, oben auf dem schwerfälligen Wagen sitzend, über die
Brücke und neben dem Fluße das enge Tal entlangfuhr, mit begeisterten Augen das
offene Land erwartend, die Primel noch auf seiner Mütze da konnte dieser
sonderbare Bursche für die Hälfte der Zuschauer etwas vorteilhaft Anregendes,
aber gewiss auch für die andere Hälfte etwas ungemein Lächerliches haben.
Feingefühlig und klug sah er darein, jedoch sein Äußeres war zugleich seltsam
und unbeholfen. Was er eigentlich war und wollte, das müssen wir mit ihm selbst
zuerst erfahren und erleben; dass man es in jenem Augenblick nicht recht wissen
konnte, machte seiner Mutter genugsamen Kummer.
    Sie war auf ihre Stube zurückgekehrt. Ein tiefes Gefühl der Verlassenheit
und der Einsamkeit überkam sie, und sie weinte und schluchzte, die Stirn auf den
Tisch gelehnt. Der frühe Tod ihres Mannes, die Zukunft ihres sorglosen Kindes,
ihre Ratlosigkeit, alles kam zumal über ihr einsames Herz. Ein mächtiges
Ostermorgengeläute weckte und mahnte sie, Trost in der Gemeinschaft der vollen
Kirche zu suchen. Schwarz und feierlich gekleidet ging sie hin; es ward ihr wohl
etwas leichter in der Mitte einer Menge Frauen gleichen Standes; allein da der
Prediger ausschließlich das Wunder der Auferstehung sowie der vorhergehenden
Höllenfahrt dogmatisierend verhandelte, ohne die mindesten Beziehungen zu einem
erregten Menschenherzen, so genoss die gute Frau vom ganzen Gottesdienste nichts
als das Vaterunser, welches sie recht inbrünstig mitbetete, dessen innerste
Wahrheit sie aufrichtete.
    Die Erinnerung an empfangene Liebe, als ein Zeugnis, dass man einmal im Leben
liebenswürdig und wert war, ist es vorzüglich, welche die Sehnsucht nach der
früheren Jugend nie ersterben lässt. Wer nicht das Glück hatte, eine aufknospende
zarte und heilige Jugendliebe zu genießen, der hat dagegen gewiss eine treue und
liebevolle Mutter gehabt, und in den späteren Tagen bringen beide Erinnerungen
ungefähr den gleichen Eindruck auf das Gemüt hervor, eine Art reuiger Sehnsucht.
Wer aber in jeder Weise verwaist und einsam aufgewachsen ist, der kann wohl
sagen, dass er um einen Teil des Lebens zu kurz gekommen sei.
 
                                Zweites Kapitel
Indem eine Grundlinie der Landschaft nach der anderen sich verschob und
veränderte und aus dem heitern Ziehen und Weben ein ganz neuer Gesichtskreis
hervorging, welcher allmählich wieder in einen neuen sich auflöste, war
Heinrich, mit hellen Jugendaugen aufmerkend, seinem eigenen Wesen zurückgegeben.
Die verlassene Mutter und Heimat bildeten wohl eine zarte und weiche Grundlage
in seinem Gemüte; doch auf ihr spielten mit ungebrochenen Farben
