
    »Weil wir zu viel tranken, und seine üblen Wirkungen empfanden, sollen wir
darum den Wein selbst ausgiessen? Sollen wir zur Nüchternheit, zur Korrekteit
zurückkehren? Tut der Gärtner recht, der lauter exotische Gewächse in seinem
Garten ziehen wollte, und sie kamen nur zum Teil oder verkrüppelt fort, der
darum alle ausreutet, und meint, der Boden tauge nur zu Kartoffeln? Legen wir
doch das Geständnis ab, dass wir im Übermut, gelangweilt, und aus Verdruss über
die ekle Schaalheit der Poesie, wie sie getrieben wird, uns in kecker Laune oft
auf den Kopf stellten, und vom Publikum verlangten, es solle es mit uns tun.
Wir fanden Anhänger und es ging eine Weile, wie alles Neue. Nun finden sie die
Stellung unbequem. Ist das zu verwundern? Sollen wir aber alles darum als
Visionen fahren lassen, was wir in der Begeisterung, in dem seeligen Rausche
sahen? Hörten wir die Wälder, die Bäche nicht anders rauschen, als der Prediger
in Werneuchen, blieben uns nicht andere Anschauungen in Natur und Kunst zurück,
nicht die Schauer der Ahnung, das Wesen der Wunder, welche die Welt erfüllen?
Wir kommen nicht fort ohne den Glauben daran, auch wenn wir uns matematisch
beweisen, dass es keine Hexenmeister gibt und keine Gespenster um die Grüfte
schweben. Haben wir nicht Geister citirt, von denen unsere Väter nichts wussten?
Wie anders, lebensfrisch schauen uns jetzt die Alten an, als die Philologen mit
den Perrücken sie sahen? Lebt nicht der brittische Riese unter uns, ein
geharnischter Geist, der unsere Teatermisère zertritt! Citirten wir nicht
Dante, nicht Kalderon aus seinem vergessenen Grabe? Diese können sie nie wieder
tot machen, sie werden leben, und noch vieles mit ihnen, und wir mit Stolz
sagen, wir wurden ihre zweiten Väter!«
    »Das ist alles recht schön,« entgegnete Louis. »Wenn die Geister nur Mark
und Bein bekämen, wenn sie unseren Geheimräten und Ministern einen Rippenstoss
geben könnten, und einen Feuerhauch durch die Seelen unserer Philister jagen. Da
es aber nicht ist, bin ich doch der Meinung Deines Gärtners, dass unser Boden nur
zu Kartoffeln taugt. Sind sie nicht ein herrliches vaterländisches Gewächs, und
Vetter Michel ein dito Mensch? Er grämt sich nicht, er schämt sich nicht,
erträgt Fußtritte und Prügel wie der Esel, wenn er nur Kartoffeln hat, und item:
Sag' mir nichts von gutem Boden,
Nichts vom Magdeburger Land,
Selig ruhen uns're Toten
In dem leichten kühlen Sand.«
    »Vaterländisch!« fuhr Walter auf. »Und hat die Schule nicht gerade auch
unsere eigensten, zertretenen, vergessenen Schätze deutscher Vorzeit aus dem
Staub und Rost ans Licht gezogen?
