 Es hat Keiner gelebt, als Gott Vater auf den Einfall kam,
diesen Spielball Erde zu erschaffen, und in das Uhrwerk Universum zu schleudern,
damit er zu Ehre des Höchsten seinen Parademarsch um die Sonne kreist.«
    Der Ankömmling zog mechanisch die Gräser und Kräuter, die seine Hand
ablangte, mit der Wurzel aus.
    »Suchst Du nach der Alraunwurzel?«
    »Könnte ich sie finden! Den allertiefsten Schmerz aus der Tiefe
herausziehen, vielleicht würden uns die andern Schmerzen dann wie Bagatellen
erscheinen.«
    »Der tiefste Schmerz müsste doch töten. Darum verbarg ihn die Natur. Was
wühlen wir denn nun tiefer und tiefer -«
    »Und spielen nicht lieber am Bach mit Vergissmeinnicht und Veilchen! Nicht
wahr, das ist viel gescheiter. Wollen wir nicht etwa nach Halberstadt zum Vater
Gleim, im Freundschaftstempel uns gegenseitig anräuchern und anfingen, Du mein
Anakreon, ich Dein Tibull?«
    »Der höchste Schmerz wäre Selbstvernichtung, und zum Selbstmord schuf uns
nicht die Natur!« rief Walter, ohne auf den Spott des Freundes zu achten.
    Louis hatte sich aufgerichtet und verbarg wieder das Gesicht in beiden
Händen: »Ein Stück von der Alraunwurzel zog ich doch schon raus. - Wenn ich nur
wüsste, ob dieser Wunsch Sünde wäre?«
    »Welcher?«
    »Wäre meine Mutter keine tugendhafte Frau gewesen!«
    Es folgte eine Pause: »Dein Vater ist nicht schlimmer als Tausende.«
    »Ist das ein Trost, dass ich eine Partikel bin von einer Partikel aus der
allgemeinen Erbärmlichkeit.«
    »Er lässt Dir Freiheit.«
    »Er lässt aller Wett die Freiheit, so niederträchtig zu sein, wie sie Lust
hat, damit er nicht schamrot zu werden braucht.«
    »Das ist ein hartes Wort,« dachte Walter, und auch Louis musste es denken,
denn er war rasch aufgesprungen und reichte dem Freunde die Hand: »Adieu!«
    Walter umfasste seinen Arm, er wollte ihn in der Aufgeregteit nicht von
sich lassen: »Du verwünschest Dich selbst. Ich bin nicht zum Moralprediger
geboren, aber - Du warst es zu besserem.«
    »Was kann man denn besseres tun in dieser Gesellschaft, als sich selbst
verwüsten! Trinken, und wenn man erwacht, wieder trinken. Sind nicht alle
Edleren dazu bei uns verdammt? Tadelst Du den Prinzen, dass er den Schaumbecher
nicht von der Lippe lässt, dass er wenigstens den Jammer nicht mit ansehen will,
wo er nicht helfen darf? Lieber doch berauscht untertauchen und rasch, als
nüchtern zusehen, wie wir Zoll für Zoll im Morast versinken. Oder wo ist denn
die Kraft, die nach Besserem ringt, wo nur ernster Wille? Der gute, zahme,
bescheidene da, der sich
