 dies Volk erst kennen. Aber wenn Sie
es jetzt kennten, wie ich, Sie würden es Ihrer Liebe wert finden. Ich habe in
diesen Tagen nirgend mehr so viel Kraft, Ernst, Treue und Gutmütigkeit zu
finden erwartet. Von einem großen Sinne geleitet, wäre dieses Volk immer der
ganzen Welt unbezwingbar geblieben, und wie sturmschnell auch die Flut unser
Land überschwemmt, noch jetzt drängte ein solcher Geist sie wieder zurück. Aber
wo ist er, der große Geist, der es vermöchte!«1
    »Er wird erscheinen,« rief der Minister und seine Stirn leuchtete, indem er
Niebuhrs Hand drückte, die andere reichte er Walter. »Warum sollen nur die
Völker des Altertums ihren Phönix haben! Ist das Christentum nicht basirt auf
dem Mysterium der Wiedergeburt! Sollten nur die germanischen Völker bestimmt
sein, auszugehen und überzugehen in andre! Ich glaube an den Phönix, aber der
Scheiterhaufen ist noch nicht hoch genug. Es muss noch vieles Morsche, Faule,
Wurmstichige darin verbrennen, viel mehr, als wir wähnten, vieles, was wir
gestern noch für gesund hielten, vielleicht was uns das Liebste und Teuerste
war. Leben Sie wohl, meine Freunde, wir sehen uns wieder, wenn noch nicht in
besserer Zeit, doch in einer, wo wir wieder hoffen dürfen.«
    In den Geschichtsbüchern steht, und es ist daraus nicht wegzulöschen, dass
viele der gutgesinnten Bürger Berlins die Mahnung jenes Ministers befolgten. Sie
schickten sich in die Zeit, denn es war böse Zeit. Sie schwenkten die Hüte vor
dem einziehenden Napoleon und riefen Vive l'Empereur, und illuminirten ihre
Häuser, dass der Kaiser selbst in jene Worte der Verwunderung, und der Schmach
ausbrach, die wir nicht wiederholen wollen. Aber es gab Männer und Frauen auch,
welche das Übel beim rechten Namen nannten, und nicht erschraken, wenn es ihnen
ein böses Gesicht machte. Diese Einigen waren die Kieselsteine, an denen der
Stahl Funken schlagen sollte, aus denen der stille Brand ward, welcher später
zum allmächtigen Feuer aufloderte. Gut Ding will Weile im deutschen Lande. Viele
hat die Geschichte genannt, oder fängt jetzt an, ihre Namen zu nennen, aber wie
viele sind schlummern gegangen, auf ihren Grabsteinen wächst Moos, und die
Geschichte kratzt es nicht mehr ab, um von ihrem stillen Wirken Zeugnis zu
geben. Da darf die Dichtung, die so viel Trauriges und Schlimmes nicht
verschweigen durfte, auch an den einzelnen Mutigen erinnern, und wo wir solche
Bilder mutloser Zerschlagenheit aus der preußischen Hauptstadt hinstellen
mussten, um wahr zu sein, wird es zur Pflicht auch einiger Züge zu gedenken, die
schon wie das ferne Wetterleuchten einer besseren Zeit am Horizont erscheinen:
    Da stand eine Deputation vor dem Gewaltigen
