 mir
scheiden wollte. Eine Heilige kann nicht zürnen.
    Um so schmerzlicher trifft es mein Herz, dass ich dem Rufe nicht folgen kann.
Meine Verhältnisse, meine Ehre gebieten mir, hier zu bleiben. Die Dame, um deren
Hand ich mich bewerbe, wird eine Aufwallung, zu der ich mich hinreißen ließ,
vergessen, und die Gerüchte, die man über eine Entzweiung aussprengt, selbst
widerlegen. Wenn die geringen Gaben, welche die Natur mir schenkte, die
Kenntnisse, welche ich mir erwarb, in Mancher Augen mir vielleicht eine höhere
Sphäre anweisen, so fühle ich doch nur zu sehr, dass der Mensch, der immer in
weiteren Peripherieen sein Glück sucht, so oft das übersieht, was ihm zunächst
liegt, und worauf Natur oder Geburt ihn gleichsam hinstiess. Meine physikalischen
und chemischen Kenntnisse berechtigen mich zum Glauben, dass ich in der
Tuchfabrikation Verbesserungen einführen werde, welche dem Lande, dem ich fortan
gehören will, von, wenn auch nur geringem, doch von Nutzen sein werden. Lächelt
Fürstin Gargazin darüber, so denkt sie doch vielleicht milder, wenn sie den
Spruch sich zuruft von dem, der sich selbst erniedrigt.
    Und doch würde ich Ihrem Rufe folgen, wenn nicht die heiligste Pflicht mich
fesselte. Jene Aussichten bei Seite gesetzt, in diesem Augenblick kenne ich nur
eine Pflicht, eine unschuldig verfolgte Frau, die mir einst teuer war, gegen
die Barbarei der Gesetze zu schützen. Ja, ihr gehört mein Leben.
    Urteilen Sie über mich, verdammen Sie mich, ich werde nie vergessen, was
seiner Wohltäterin, der edelsten Frau des Jahrhunderts, der Fürstin Gargazin
verdankt
                                                          Ihr untertänigster -«
    Die Fürstin zerriss mit einem verächtlichen Lächeln den Brief in kleine
Stücke: »Nun muss ich selbst -« In ihrem Hause war helle Unruhe. Um Mittag fuhr
ihr Reisewagen, mit vier Kourierpferden vorgespannt, aus dem Tore von Berlin.
Eine Relaisbestellung bis Riga flog ihr voraus. Von der Höhe draußen wandte sie
sich noch einmal um: »Lebe wohl, Babel! du und dein Reich sollen vergehen!«
 
                           Einundachtzigstes Kapitel.
                       Sie sind die Puten von Excellenz.
In einem öffentlichen Garten der Vorstadt war an einem schönen
Oktobernachmittage eine ungewöhnlich große Zahl von Gästen versammelt. Jene
Zeit, wo die Schichten der Gesellschaft sich weit schroffer gegenüber standen,
als es später der Fall war, hatte doch den Vorzug, oder, wenn man es nicht so
nennen will, sie bot für das gesellige Leben den Vorteil, dass die öffentlichen
Vergnügungsorte noch nicht in der Art schroff gesondert waren, dass die
Anwesenheit von im Leben niedriger Gestellten die höher Gestellten abhielt, auch
ihr Vergnügen zu suchen. Wo der Handwerksbursch Kegel schob, konnte auch der
höhere Bürgerstand mit Ehren Weissbier trinken;
