 hielte, zerflössen sie -«
    »Das dürfen Sie in Berlin nicht laut aussprechen, sonst verketzern sie uns,«
fiel die Fürstin noch im selben Ton ein. - »Nein, alle Admiration dem herrlichen
Manne, aber Sie haben wohl Recht, unsere Zeit fordert Männer, auch Frauen,
welche den Dingen und Verhältnissen ins Gesicht zu sehen verstehen, und vor
einer rauen Berührung nicht zurückschrecken. Sie fordert, dass wir unsere
Empfindungen beherrschen. Es ist schwer, mein liebes Kind, schwer für einen
Jeden, die schlechten Menschen nicht merken zu lassen, dass man sie hasst,
verachtet, was mehr für uns Fürsten! Das ist unsere gepriesene hohe Freiheit,
wir müssen sogar freundlich scheinen gegen unsere Feinde, denen die Hand
drücken, von denen wir wissen, dass sie in der Tasche den Dolch gegen uns
versteckt halten. Das kostet etwas - eine Resignation, die oft unsere schwache
Kraft übersteigt. - Wir träumen zu viel von dem Guten und Bessern. Das ist
schön, aber wir dürfen nicht mehr träumen, wir Alle nicht. Jede muss ihre ganze
Kraft anrufen, um gerüstet dem gegenüber zu stehen, was Gott zu unserer Prüfung
schickt. Wir müssen uns bezwingen, entsagen zu können, auch dem, was uns das
Teuerste, Liebste ist!«
    Der Ton ihrer Sprache hatte sich mit ihrer Stimmung plötzlich verwandelt. Es
war auch um sie her anders geworden; die Sonne war hinter heraufziehende Wolken
getreten, die Vorläufer des Windes hatten schon länger die gelben Blätter über
die Füße der beiden Frauen getrieben, jetzt fing er an in den Büschen das
Gezweig zu rütteln, in raschen Stößen rüttelte er von den entfernten Baumwipfeln
das Laub. Die laue Luft hatte, wie auf einen Zauberhauch, einer empfindlichen,
scharfen Kälte Platz gemacht, dass die Damen die Tücher enger um den Hals zogen.
    »Sie müssen Alle entsagen,« sprach die Königin feierlich, »auch Sie,
Adelheid werden die Kraft haben. Ich habe das schöne Vertrauen, nachdem ich Ihre
schöne Seele kennen gelernt.«
    Da war auch ein schöner Vorhang plötzlich gefallen, ein Vorhang gewebt aus
Sonnenstäubchen, die in anmutigem Spiel hin und her geschaukelt, und die
bleierne graue Wahrheit lag vor ihnen, das, warum die Fürstin Adelheid zu sich
beschieden; auch das blickte schon verräterisch hervor, warum Adelheid gekommen
war.
    Es gibt im Seelenleben Augenblicke, wo der Klügste sich keine Rechenschaft
zu geben weiß, woher ein Gedanke aufquillt, dem er plötzlich zu folgen sich
gedrungen fühlt, auch wenn er entgegen der Strömung ist, der all sein Fühlen und
Denken sich hinneigt. Bei großen Mänern ist es ein Kitzel, mitten in Plänen,
welche die Welt verrücken sollen, sich starr auf einen einzelnen Punkt
