, in edlem Unwillen gerufen; »Nur vor Gott knien! Ein Mensch muss
nicht vor einem andern Menschen knien!«
    »Da habe ich Blicke getan auf den Herd meines Volkes,« schloss die Königin,
»und weiß, wo die Zufriedenheit und Seelenruhe wohnt. - Sie frösteln, liebes
Kind, Sie schaudern sogar -« »Ach, Ihre Majestät, es waren Gedanken -« Die
Fürstin hatte sie gelesen: »Freilich weiß ich, nicht überall stehen Hütten von
Philemon und Baucis, aber die Immoralität hat da keinen dauernden Wohnsitz, wo
bewährte Tugenden, Patriotismus und Menschenliebe die Seelen umschlingen. Wenn
wir wieder Ruhe und Frieden nach Außen haben, dann hoffe ich, soll es in den
höheren - Gott gebe auch in den höchsten Kreisen besser werden. Aber Sie, liebes
Mädchen, können doch nicht klagen, Ihr guter Genius führte Sie nur unter edle
Menschen -«
    »Erlauchte Frau! ich meine, die Menschen sind in allen Kreisen Menschen, und
verzeihe mir der Allgütige, wenn es Sünde ist, sie kommen mir oft wie ein Knäuel
von Schlangen vor. Wenn Eine mich recht liebevoll anblickt, denke ich an den
Tiger, der den Kopf auf die Krallen drückt, zum Satz auf sein Opfer.« - »Was
sind das für Phantasien!« - »Ich weiß es nicht. Aber ich sehe überall Larven
und dahinter Verbrecher.« - »Kalmiren Sie sich.« - »Es ist nun einmal mein
Schicksal, ich ward von ihm herumgeschleudert, ich bin keine, ich will keine
Klairvoyante sein, aber wie Vieles musste ich wider Willen belauschen, und da
ist mir, wenn ich einen stillen Teich sehe, den kein Lüftchen kräuselt, als
werde er plötzlich gähren, sich heben, toben und Ungeheures zu Tage kommen. Wo
wir's am wenigsten erwartet, in den friedlichen Kreisen, die wir die glücklichen
nennen, als braue unter der Ruhe Entsetzliches. Die Luft drückt mich, und
zuweilen wünsche ich, dass der Sturm komme, die Elemente toben; ein Krieg
erscheint mir nicht mehr so schreckenvoll, wenn diese brütende Stille nur
aufhört.«
    »Das sind Imaginationen, vielleicht aus den neuen Büchern. Diese Schlegel,
Tieck, Novalis sind aber eine excentrische Lektüre, welche das Blut erhitzt;
keine für ein junges Mädchen, das Herz und Geist zum Umgang mit rechtschaffenen
Menschen ausbilden will.« - »Mich dünkt, Ihre Majestät, die Zeit ist auch zu
ernst, und fordert von uns andere Pflichten, als in der Märchenwelt zu
lustwandeln.« - »Das ist verständig von Ihnen. Man eifert auch gegen das Lesen
von Romanen und Schauspielen, aber man tut Unrecht. Unser Iffland führt uns
doch immer
