 mein treuester
Diener. Meinen Sie, dass er mich weniger lieben wird, weil ich ihn züchtigen
ließ? Wenn er genesen ist, versichere ich Sie, wird er mit verdoppelter Devotion
sich auf die Erde werfen, meinen Rocksaum küssen und bei seinem Heiligen für
mich beten. Und ich, ich teile diese Gefühle der Anhänglichkeit für das
Geschöpf. Ich empfand die Geisselschläge mit. - Lachen Sie nur! Das verstehen Sie
eben nicht. Sie können auch bei der Abbildung eines Martyriums lachen, oder
wenden dem schönsten Bilde aus Ekel den Rücken. Mich ergreift immer eine
unbeschreibliche Wonne bei diesen Qualen, mein Blut wallt, mein Körper empfindet
sie mit; dieses spritzende Blut, ich sehe es schon in Rosen und Lilien
verwandelt, diese Röte des äußersten Schmerzes auf den Wangen, der
Todesschweiss, die verzückten Augen, die krampfhaften Verrenkungen, mir werden es
lauter Schönheitslinien, und wo Sie Zerrissenheit und Untergang sehen,
durchschauert mich schon Harmonie und Vollendung.«
    »Das heißt ein Läuterungsprozess in procura geführt,« sagte der
Legationsrat, oder er dachte es vielleicht nur, denn die Fürstin, in sich
versunken, schien auf seine Erwiderung kaum zu achten. »Wenn man nur dem
Geschöpf diese Überzeugung auch einimpfen könnte, so würden seine Schauer, die
wie ich glaube, gemeinerer Art sind, sich gewiss auch in eine wollüstige
Empfindung auflösen.«
    »Sie würden es!« rief die Fürstin. »Wer sagt Ihnen, dass sie es nicht schon
sind! Er leidet für seine Herrin, die er anbetet, er leidet durch ihren Willen,
und er kennt kein höher Gesetz. Diese Leibeigenen sind glücklicher als wir, mein
Herr Legationsrat von Wandel. Wie das Animal, die Pflanze, stehen sie dem
Ursprünglichen näher. Und wir ringen unser Leben durch vergebens nach dem
Paradieseszustande zurück, in dem sie existieren. Wie die Lilie auf dem Felde,
wie der Vogel im Busch, freuen sie sich der Sonne, die sie bescheint, sie legen
ihr Haupt nieder auf den grünen Rasen unter freiem Himmel, oder auf die Bank,
die man ihnen am Ofen gebaut. Sie denken nicht, sie sorgen nicht auf den andern
Tag; Speise und Trank ihnen schaffen ist unsere Aufgabe. Sie kennen unsere Pein
und unsere Qualen nicht, unsere Zerrüttung und Zerrissenheit steht ihnen fern.
Sie würden sie so wenig begreifen, als der Herr von Wandel, warum der Erlöser
für uns gelitten hat, warum in Natur und Welt es so gefügt ist, dass immer ein
Anderer für den Schuldigen leidet, dass es Sündenböcke gab im alten Testament,
Märtyrer und Heilige, die den Überschuss ihrer guten Werke uns als Erbe ließ.
Diese Sklaven singen und lachen, während wir, die Erwählten, die
