 dass er ihn sah. Aber er hatte schon die
Weisung der Geheimrätin überschritten, die aus Vorsorge für den Kranken den
Befehl gegeben, Niemand ohne ihr Vorwissen in das Zimmer zu lassen. Er zauderte
im Vorzimmer. Der Kranke musste sich wieder erholt haben, er hörte ihn die
vorhin angefangene Ode: Integer vitae, scelerisque purus recitiren.
    War es sein Sterbesang? Die Geheimrätin schien betroffen, als sie
zurückkehrend Walter noch fand. Der Blick, den sie ihm zuwarf, hatte etwas
Befremdendes, es war ihm auffällig, dass sie ein Tuch vor dem Munde hielt,
welches sie im Augenblick, wo sie ihn sah, fallen ließ. Er glaubte sich zu
entsinnen, dass sie schon im Krankenzimmer es an die Lippen gehalten. Doch es war
nur ein Moment gegenseitiger Befangenheit. Sie setzte sich auf ein Sopha, oder
ließ sich fallen, und drückte das Tuch an das Gesicht. Ein Schluchzen hörte er
nicht. Er sprach einige Worte der Teilnahme, dass die Gefahr wohl nicht so groß
sein werde, als man annehme, dass die Natur des Geheimrats auch schwerere
Krankheiten zu überwinden im Stande sei, dass er unter einer solchen Pflege
genesen müsse.
    Den starren, höhnischen Blick, als sie das Tuch wieder sinken ließ, konnte
er nie vergessen. »Meinen Sie, Herr Doktor? - Er wird sterben. - Wenn auch nur
darum, damit die Leute sagen können, ich hätte ihn schlecht gepflegt.«
    »Gnädige Frau, es ist nur eine Stimme, mit welcher Aufopferung Sie für das
Schicksal Ihrer Angehörigen sorgen.«
    »Sind Sie wirklich noch so jung und harmlos, Herr van Asten? - Sie haben
doch auch schon Erfahrungen hinter sich,« setzte sie hinzu, »und sollten wissen,
was auf diese Stimme zu bauen ist. Oder hörten Sie immer nur den lächelnden
Anfang und und schlossen vergnügt Ihr Ohr, wenn die herzlich Teilnehmenden von
ihrem Lobe sich erholten, zuerst in kühler Betrachtung, die sie unparteiische
Wirkung nennen, dann in leisen Bemerkungen, dass bei dem vielen Guten doch auch
Schattenseiten sind; endlich wenn die liebreichen Seelen erkannt, dass sie unter
sich sind, öffnen sich die Schleussen und die ätzende Bitterkeit schießt heraus,
bis von dem Lobe nichts bleibt, als einen tödtende Wunde.« - »Das Tier im
Menschen zu bekämpfen, sind wir auf dieser Erde.« - »Meinen Sie, Herr Doktor!
Ich meinte nur die Klauen und die Stachel unter einer glatten Haut zu verbergen.
- Wer leben will, atmen, genießen,« rief sie mit einer heiseren Stimme, die nur
aus einer zerrissenen Brust kommt, »dem rate ich nicht, die Waffen
fortzuwerfen, die ihm die Natur gab.« - »
