. Sie saßen eine Weile in schweigender Rührung. Bei
der Baronin bedurfte es nur des Antippens mit dem Finger, und ihre Bekenntnisse,
lange noch nicht erschöpft, brachen von neuem heraus. Dies besorgte die Fürstin,
sie schien nur deshalb auf eine Wendung des Gesprächs nachzusinnen, welche
diesen Ausbruch verhinderte; weil sie aber nur zu gut wusste, wie Gefühle der
Art einem Raume mit brennbarem Äther gleichen, wo man kein Licht einbringen
darf, damit nicht alles in Flammen stehe, so schwieg sie lieber ganz. Sie fühlte
sich indes auch nicht vollkommen sicher auf dem Terrain, denn sie war
überrascht, nicht sowohl über die Macht der Leidenschaft, welche die für kalt
gehaltene Frau aufregte, als über das Bewusstsein und die Seele, mit welcher sie
das Gefühlte aussprach. Wo Diplomaten Bewusstsein und Seele merken, werden sie
unsicher, und tappen umher, bis sie mit ihren Fühlfäden die Schwäche entdeckt
haben, mittelst deren sie den Gegenstand, der sich ihnen entziehen will, wieder
in ihr Netz ziehen.
    Die Fürstin hatte wenigstens eine unverfängliche Wendung gefunden, als sie,
wie aus tiefem Nachsinnen aufseufzte, den Blick gen Himmel, rief: »Und der Krieg
ist es, der meine Freundin so erschreckt! Was ist der Krieg anders, als ein
Gewitter, das die schwüle Luft reinigt.«
    »Mit Menschenblut! Und darunter die Besten. Die Kugel wählt nicht die
Schlechten.«
    »Wenn nun in der Natur ein solches verborgenes, furchtbares Gesetz bestünde,
das Menschenblut fordert!« fuhr die Fürstin fort, die sichtlich in ein neues
Gedankengewebe sich hinein spann oder zu einem Phantasieflug erhob, der über die
Fassungskraft ihrer Gesellschafterin hinaus ging. Sie wollte, obgleich die
Wahrnehmung sie interessierte, dass die Leidenschaft auch eine Eitelbach weit über
sich erhoben hatte, sich selbst in eine Sphäre erheben, wo Jene ihr nicht folgen
konnte.
    »Ja, es existiert dieses Gesetz! Und der Soldatenstand ist der geehrteste,
weil er auf diesem großen Gesetz der geistigen Welt beruht. Warum heißt Gott in
der Bibel der Herr der Heerscharen! Es ist das nicht ohne tiefen Grund. Wie
herrscht in dem weiten Reiche der lebendigen Natur eine, wir können sagen,
gesetzliche Wut aller Wesen gegen einander! Es gibt keinen Moment in der Zeit,
meine Freundin, wo nicht ein lebendes Wesen von einem anderen verzehrt wird. Der
Mensch aber ist unter diesen zahllosen Arten von Würgetieren die
allerfurchtbarste. Er tötet um zu essen, nm sich zu kleiden, sich zu schmücken,
ja aus Vergnügen, er tötet um zu töten. Der Mensch, dieser entsetzliche
Herrscher der Natur, will alles an sich reißen, vom Lamme seine Eingeweide, um
die Harfe widertönen zu lassen, vom Wallfisch seine Barten,
