 fragte nach
Novitäten für die Zeitgeschichte. »Warum sind des Kanzleidirektors Kistmacher in
Breslau Gedichte merkwürdig?« - »Haben Sie nicht in der Vossischen gelesen? Er
zeigt seinen Freunden an, dass er mit Gott und seinem König heut gesund und
munter in sein neunundfünfzigstes Dienstjahr tritt. Das hat denn gleich
Nachfrage nach den Gedichten gemacht.« - Der Buchhändler hatte noch einen
interessanten Beitrag für »unsere Zeitgeschichte!« »Zuverlässige Nachrichten von
der Sack'schen Familienstiftung zu Glogau, zum Unterricht für
Stiftsberechtigte.« Sie hatten eben die Presse verlassen. »Die Lektüre soll mich
heut Nacht erquicken!« sagte Bovillard und steckte das Heft in die Tasche.
    Er maß die Schritte von der Quadriga bis zu Prinz Heinrichs Palais; sieben
Mal hatte er die Länge der Linden gemessen und nichts gesehen, als welke
Blätter. Die Gesichter, denen er begegnete, die Blätter, die der Staubwind um
seine Füße kräuselte, verschmolzen sich. Seine Phantasie schweifte in eine
Wüste; er grübelte, warum die Natur ihnen die Quellen versagt, warum keine
Erdbeben die Sahara erschüttern; Vulkane erheben sich doch aus dem Meere.
    Er saß in einer Weinstube. Er hörte viele Stimmen. Viele Stimmen machen eine
Stimmung. Männer der Wissenschaft zu seiner Linken, Männer der Praxis zur
Rechten, Männer der Kunst kamen, als das Theater aus war. Man sprach links und
rechts vom Fortschritt. Wie viel öffentliche Vorlesungen befriedigten nicht die
Wissbegier! Klaprot über Chemie für Jedermann, Fischer über Experimentalphysik
und der gelehrte Bendavid las gar über Geschmackslehre! Aber dann brauste der
Streit von der Rechten zur Linken, und im Zentrum über das Stück des Tages: »Die
Organe des Gehirns.« Wer war größer, Kotzebue oder Iffland? Kotzebue, der mit
beissender Kritik, mit übersprudelnder Laune, die neue Chimäre der Wissenschaft
geisselte, der Gall auf immer vernichtet hatte, oder der unvergleichliche Mime,
der heute den Lear und morgen den Kannegiesser mit gleicher Virtuosität spielte?
Iffland drückte Kotzebue zu Boden. Alle Lippen bebten vom Lobe des Mimen; man
anatomisirte den kleinen Finger seiner linken Hand, mit dem er ein
widerstrebendes Gefühl ausgedrückt, man zerschnitt seine karrirte Weste, welche
die Zersetzung eines sublimen Gedankens in eben so viele Teile darlegte. »Und
Fleck ist doch größer!« trumpfte ein stabiler Gast auf den Tisch. - »Warum,
Renommist?« »Er schafft, Iffland copirt.« - Kunst und Natur, ein ewiger Streit,
man überschrie sich; die Gläser klirrten, die Köpfe wurden heiß. »Und alle Eure
Kunst ist doch nur Chemie,« schrie der Renommist. »Die Pest auf Dichter, die nur
die Schädellehre zersetzen, aber keinen Schädel lebendig machen.«
    Er setzte sich
