
derselben Wartburg leuchtete Luthers Fackel über Europa! -«
    »Das war ein Mirakelmann, aus der Zeit der Wunder. Wir leben unter
Wichtelmännern; in einem verschütteten Bergwerk suchen sie mit der Laterne nach
Glimmer und Spiessglas. Die edlen Erze sind längst gefördert und kursiren als
Scheidemünze.«
    »Wir hier haben noch Kräfte, nur ungeordnete, sie sind überlastet, man hat
sie aus dem Auge verloren. Nur dran hinzuweisen braucht es, dass sie gähren,
kochen, zum hellen Kristall aufschiessen. Dazu ist kein Mirakelmann, nur ein
guter Schürmeister nötig. Wir haben einen jungen Fürsten, der das Rechte will
und bange ahnt, wo das Schlechte liegt, aber eine dicke Atmosphäre, nenn's eine
elastische Mauer, hat sich um ihn gesetzt. O Gott, dass die frischen Lüfte, die
Lichtblitze endlich zu ihm drängen! Da ist's Jedes Pflicht, da ist Niemand zu
gering, zu schwach, der eine Stimme hat, zu sprechen; wer malen kann, der male,
wer meisseln, meissle in Stein, das Auge aufreißen vor der Gefahr! Und rasch, denn
sie rückt mit Riesenschritten näher, sie ist nicht zu ermessen, wir stehen an
einem Abgrunde, der Alle verschlingt. Und aus diesem Grunde heraus, könnten wir
eine Festung bauen, unnehmbar! Jetzt das Volk aus seiner Erstarrung, seiner
Gleichgültigkeit, seiner Entfremdung gegen das Höchste und Heiligste auf Erden,
jedes Glied zum mitfühlenden Glied der großen Kette zu erheben, Volk und Fürst
in Eins zu verschmelzen, das wäre die Aufgabe des Gesendeten. Ich sehe ihn
nicht, Du siehst ihn nicht, Keiner sieht ihn, aber ist er darum nicht da? Hat
nicht Jeder, dem ein Funken durch die Adern zuckt, die Aufgabe, Steine dem
künftigen David zuzutragen? Wenn er die Steine sieht, wird er nach der Schleuder
greifen.«
    Louis Bovillard hatte ihm mit verschränkten Armen zugehört. Die Wimpern der
schönen Augen zuckten zuweilen auf, und warfen ihm einen teilnehmenden Blick
zu. Aber die Saiten seiner Seele waren nicht gestimmt für die Töne, die Walters
Bogen strich. - Er schwieg einen Augenblick, dann entstieg ein gähnender Seufzer
der Brust, der Kobold sah auf der Lippe und griff das letzte Wort auf: »Zum
Steinewerfen haben sie allenfalls noch Mut, wenn's auch nicht Schädel trifft,
doch Fensterscheiben. Wenn nicht die des französischen Gesandten, doch der
Schauspielerin ihre, die er unterhält.«
    Walter sah ihn wehmütig an: »Haften, schweben, kräuseln denn Louis
Bovillards sämtliche Gedanken heut nur noch bei den Gensd'armerie Offizieren?
Der Louis Bovillard, der einmal auf der Windsbraut reitend, nach den Strahlen
der Sonne griff! Und heut noch an Persönliches sich
