 Wirkung, erhalte, haben wir es weiter gebracht. Trifft das vielleicht auch
auf die Unterhaltung zu? - Aber gar keinen Vergleich duldeten die
Räumlichkeiten. Unsere Bürgerhäuser werden Paläste. Diese hohen Räume, die
gewaltigen Fenster und Flügeltüren, welche den Zimmern die Wände stehlen, fand
man zu Anfang dieses Jahrhunderts nur in den wenigen aristokratischen Häusern
der nenen Stadt. Die vornehmen Bürgerhäuser in den Vierteln der Friedrichsstadt
aus Friedrichs Zeit haben zum Teil anspruchsvolle Façaden, im Innern ist alles
klein und zugemessen. Die niedrigen Zimmer liefen eines in das andere; dennoch
blieb der Wohnung etwas wohnliches, weil Flügeltüren und Fenster nicht die
Räume unnatürlich verkürzten und der Mensch Platz für sich und seine Sachen an
den Wänden fand, und trauliche Winkel, sich zu verlieren.
    Wovon man sich unterhielt? - Wer fasst die zückenden Irrlichter zusammen,
die von Mund zu Munde hüpfen. Und in einer gemischten Gesellschaft!
Hier politisch, dort poetisch,
Regelrecht wie ein Lineal,
Philosophisch und Aestetisch
Krümmend hier sich wie der Aal,
Sprudelnd wie der Dampf vom Teetisch,
Aber überall trivial.
hat ein späterer Dichter sie beschrieben.
    Ob die Geheimrätin sie auch so fand? Sie wechselte oft die Gruppen. Hier
der ewige Streit, ob Goethe oder Schiller ein größerer Dichter, sei? In diesen
Kreisen war es längst entschieden. Welcher Mann von Bildung hätte zarten Lippen
widersprochen, welche dem Dichter, der gesungen:
Ehret die Frauen, sie flechten und weben
Himmlische Rosen ins irdische Leben.
den Preis zuerkannten! Es war nur seltsam, dass der Streit trotz der
Entscheidung, immer wieder von Neuem aufgeworfen werden konnte. Eine
Geheimrätin - es war aber eine dritte Geheimrätin - stellte sogar die
Behauptung auf, während jede Seite in Schiller wenigstens ein nobles Sentiment
enthalte, wisse sie keine einzige Sentenz in Goethe, welche die Seele rührt und
erhebt. Dies fand doch Widerspruch, und man citirte aus der Iphigenie die Verse:
Wehe dem, der fern von Eltern und Geschwistern,
Ein einsam Leben führt, ihm zehrt der Gram
Das nächste Glück von seinen Lippen weg.
Ihm schwärmen abwärts immer die Gedanken
Nach seines Vaters Hallen, wo die Sonne
Zuerst den Himmel vor ihm aufschloss, wo
Sich Mitgeborne spielend fest und fester
Mit sanften Banden aneinander knüpften.
    Ein junger Mann mit blassem, ernstem aber etwas eingefallenem Gesicht
recitirte die Verse mit Ausdruck. Man schwieg eine Weile. Als die Geheimrätin
sie schön fand, drückten Alle ihre Bewunderung aus. Eine Dame hatte bis da
geglaubt, sie rührten von Schiller her, sie hatte die Erhabenheit des Gefühls
Goethe nicht zugetraut. Doch bemerkte sie, die Verse ründeten sich nicht so wie
bei Schiller, und bei aller Schönheit fehle ihnen der schmeichelhafte Klang des
Gefühls. »Aber er liegt in
