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    »Man sagt uns doch so oft, wir sollen uns nicht aus unserer Sphäre
verlieren.«
    »Wer das uns auf sich beziehen will! Ist die Stael keine Frau! Mich dünkt,
man braucht nicht so weit zu suchen. Sind nicht die höchsten Damen an unserem
Hofe die eifrigsten Partisaninnen der Politik! Und wer sagt uns, ob nicht die
ganze Politik der Zukunft in den Händen der Frauen ruhen wird!«
    »O, wer in diese Zukunft blicken könnte, ob sie uns Aufschlüsse, Lichter,
Befriedigung bringt, oder das alte Einerlei des Zweifels, der getäuschten
Hoffnungen, der immer neuen Erwartungen, die nie erfüllt werden!«
    »Die Zukunft, gnädige Frau, wird sein wie die Gegenwart, wenn wir sie nicht
zu ergreifen verstehen.«
    »Und wer ergreift diese! Wir Frauen scheinen wenigstens nicht dazu
bestimmt.«
    »Auch Frauen ergriffen sie und blieben Siegerinnen grade so lange als der
Mann es bleibt, das ist so lange als er sich selbst beherrscht.«
    »Die Enthaltsamkeit soll uns doch nicht zum Siege führen!«
    »Die Kraft, das Ziel unverrückt im Auge zu behalten, die Wege, die die
kürzesten und sichersten, nie zu verlieren und die Mittel zu handhaben, wie man
Rosse zügelt und spornt, deren Natur wir kennen.«
    »Das ist nur an den Männern.«
    »Warum! Der Mann ist bei der Umfassenheit seiner Bildung, Bezüge zum Leben,
weit leichter der Verführung ausgesetzt.«
    »Das sind Paradoxien.«
    »Nichts weniger. Er ist zugänglicher den Leidenschaften, weil er sie
leichter befriedigen kann, dem Ehrgeiz, den Illusionen aller Art; und gibt er
ihnen sich hin, hört er auf zu berechnen, verfolgt er eine Phantasie, ist er
schon verloren. Das Weib in seiner anscheinend beschränkteren Sphäre kann ihre
ganze Kraft weit leichter auf einen bestimmten Gegenstand concentriren, und wie
sie den Mann beherrscht, wenn sie will, warum nicht die Welt!«
    »Spötter!«
    »Dem Weibe gab die Natur die seine Beobachtungskraft, die wir nur mit
unendlicher Anstrengung uns aneignen, die Gabe aus Symptomen, die unserem in die
Ferne schweifenden Blick entgehen, Seelenzustände, vergangene und künftige
Begebenheiten zu entziffern. Vermag sie's, Herrin zu werden über ihre Neigungen,
Vorurteile, ihre Liebe und ihren Hass, ihre Impulse und abergläubischen
Vorstellungen; vermag sie's, ihre Bestrebungen, ihre Liebe und ihren Hass auf
größere Dinge zu richten, als den Untergang einer Rivalin, die Protektion eines
Günstlings, dann, sage ich Ihnen, kann sie mit ihren außerordentlichen Mitteln
Großes, Außerordentliches, warum nicht das Größte.«
    Die Geheimrätin schwieg nachsinnend. Sie hielt es für den Moment geeignet
