Weil wir leben wollen.«
    Adelheid sah sie groß an. Sie schien sagen zu wollen: ich schmeichle Niemand
und lebe doch.
    »Weil Du jung und hübsch bist,« antwortete die Geheimrättin auf den
unausgesprochenen Gedanken, »darum ist man gegen Dich aufmerksam. Wenn Du nicht
mehr jung und hübsch bist, wirst Du Dich schminken müssen. Es gibt mancherlei
Schminke. Je älter man wird, mein liebes Kind, um so mehr Arbeit hat der Mensch,
denn um so mehr muss man die Schwächen der Anderen studieren, um vor ihnen zu
gelten.«
    »Warum muss man denn gelten wollen!« Es entfuhr ihren Lippen; sie wusste sich
kaum den Sinn der Worte zu sagen und hätte sie gern wieder verschluckt, als die
Pflegemutter sie anschielte.
    »Ja warum lebt man! Der Philosoph fehlt noch, der uns die Frage
beantwortet.«
    Es entstand eine Pause. Die Salatnäpfe wurden vom Dienstmädchen
fortgeschaft; die Geheimrätin brachte die Tafel wieder in Ordnung, putzte die
Möbel und richtete oder vertauschte die Kupferstiche an der Wand. Adelheid war
emsig über eine weibliche Arbeit gebeugt, es schien, um ihr Gesicht zu
verbergen. Vielleicht hatte der scharfe Ton der Pflegemutter sie verwundet. Es
klang davon noch etwas in der kurzen Frage wieder:
    »Kam das auch von Deinem Lehrer?«
    »Was, Mama?«
    »Dass man nicht soll gelten wollen! Herr van Asten ist ein Philosoph, der
sich die Welt konstruirt, wie ein Dichter sie ansieht. Nicht wahr, hat er Dir
nicht gesagt, jeder Mensch soll gar nicht scheinen wollen, sondern nur sein, was
er ist? Das klingt hübsch, aber die Menschen sähen sehr hässlich aus, wenn sie
nichts täten, um sich zu verschönern. Davon, mein Kind, macht Keiner eine
Ausnahme.«
    »Er selbst will gewiss nicht mehr scheinen als er ist -«
    »Sprich es nur aus, was Du verschluckst, Du meinst, er wäre sogar noch
besser, als er scheinen will. Nicht wahr, denkst Du es nicht bisweilen, wenn er
in einer begeisterten Rede plötzlich inne hält, als wolle er etwas nicht sagen
aus Bescheidenheit, wenn er die Augen abwendet, rasch auf ein anderes Thema
übergeht! - Und wenn er nun damit nichts wollte, als dass Du glauben solltest, er
wäre und wisse noch weit mehr, als Du denkst?«
    Adelheid sah sie groß an: »Dann wäre er ja ein abscheulicher Mensch!«
    »Nicht schlimmer als Andere. Ja, er täte gewissermaßen nur seine Pflicht.
Ein Arzt, ein Prediger und Lehrer, wenn sie wirken wollen, müssen einen Glauben
an ihre Vortrefflichkeit um sich verbreiten, damit ihre Patienten und Schüler an
