 des Protestantismus, ist vorläufig wenig Anderes zu tun, als
mit gleichgestimmten Bedürfnissen nach Kirchlichkeit anzuknüpfen. Wenn auch
ketzerische Kirche ist auf irgend einem gewissen Standpunkte Kirche immer
Kirche. Wir hatten schon einige Hofprediger in Deutschland, die Jesuiten waren.
Ich will nicht sagen, dass auch hier unter ihnen Affiliirte sind, aber
kirchliche, wie soll ich sie nennen, kirchliche Hochtories gibt es auch hier,
und Mehreren, die ich nicht nennen will, steh' ich ziemlich nahe. Ich habe sie
in einem gewissen Trotz gegen den gegenwärtigen hiesigen Staat bestärkt. Erst
schienen sie zwar erschrocken von der Zumutung einer offenen Opposition; sie
besitzen dafür zuviel Servilismus, angeboren und anerzogen, aber wir gewinnen
doch, wenn wir die Kirche überall in Europa frei erhalten vom Staate und ihm
nicht, wie schon in dem absolutistischen durch und durch verweltlichten Russland
geschehen, noch gar die Kraft des Prophetentums, die angemasste Bischofswürde
zuführen. Was hindert uns, nach fünfzig Jahren, wenn hier die Zahl der
katholischen Kirchen wächst, einen Bischof einzusetzen? Wir können alte
Gerechtsame, alte Proteste wieder geltend machen. Es mag der protestantische
Staat in seinem absolutistischen oder radikalen Gebahren forttaumeln, die in den
tiefsten Wurzeln doch noch immer nach Rom hin sich verzweigende Kirche, auch die
ketzerische, gibt ihm nichts von ihrer Kraft ab, wenn wir sie isoliren. Wir sind
hier an Allem beteiligt, an jeder Frage des Kabinets und des Staatsrates, an
der Gesetzgebung für die Provinzen, an der Gestaltung der Gesammtform
Deutschlands, an der Übertragung der Lehrämter, an der Richtung des Geschmacks
und der Wahl der Lektüre, ja wir haben hier zwei Katholiken, von denen der Eine
die Stütze des Trons, der Andere die ganze Hoffnung der Demokratie ist und über
deren geheimsten, innersten Gedanken noch ein großes Dunkel schwebt.
    Rafflard gab sich völlig unverdeckt. Einer so offenen, auf ihre Diskretion
vertrauenden Sprache - Wie konnte Helene ihr widerstehen? Sie hatte zwar keine
Neigung zu solcher Bewährung ihrer Geisteskraft wie Pauline, die von dergleichen
Enthüllungen elektrisirt worden wäre, aber die Hingebung Rafflard's glaubte sie
doch vollständig zu erkennen, und da sie eine edle Natur war und Vertrauen zu
schätzen wusste, so ließ sie den schleichenden Weltmann, der die vertraulichen
Manieren eines Beichtigers geltend machte und alle Dinge von dem Zugeständnis
einmal nicht zu ändernder menschlicher Schwäche auffasste, gewähren, nahm ihn
öfter an, dankte ihm für die Bekanntschaften, die er ihr zuführte, und hielt
seine schonende Sprache über Egon und ihre Liebe für den Beweis eines wirklichen
Interesses. Und wenn sie nun auch erraten hätte, dass Rafflard nur die Trennung
von ihrem Gatten betrieb, was lag ihr daran? Gut und Geld hatten keinen Wert
für Helenen. Einiges mütterliche Vermögen besaß sie.
