 gebunden, gefesselt,
an Gemeines entwürdigt wäre. Die Männer belauschte er in der geheimsten
Sehnsucht ihres Ehrgeizes und beglückte die Strebenden mit glänzenden
Bekanntschaften, die er in der Tat wie Visitenkarten aus seiner Westentasche
zog. Sylvester Rafflard war der lebendige Versucher. Ewig legte er Denen, die er
umstricken wollte, die Schätze ganz Jerusalems zu Füßen und verschenkte sie an
Den, der sich ihm ergab. Er bot Alles an, Würden, Ämter, Ehrenzeichen,
Geldmittel, Erfolge, schöne Frauen, je nachdem er das weltliche Streben einer
Geisteskraft oder das träumerische Sehnen einer Phantasie vor sich fand.
    Und wenn man fragen wollte, wozu Sylvester Rafflard sich einer so
unermüdlichen Verführung ergab, so ist nicht erwiesen, dass er geradezu schaden
wollte. Er würde sich in diesem Falle bei seiner unausgesetzten Betriebsamkeit
großen Gefahren ausgesetzt haben. Er wollte nicht einmal verwirren. Er wollte
nur existieren, sich behaupten, im großen Stile existieren. Dazu bedurfte er
hundert Beziehungen. Er musste eine Beziehung auf die andre bauen, einen Trumpf
gegen den andern ausspielen. Sonst war eigentlich seine geheimste satanische
Freude Die, jeden Menschen gleichsam im Zustande der Natürlichkeit zu sehen. Wir
wissen, wie Rafflard als Erzieher wirkte, wie es ihn reizte, schon das Gelüsten
der ersten Knabenzeit zu beobachten. Wir wissen, dass Egon's früheste
Lebensverstimmung, seine Verzweiflung am Dasein, die ihn von Genf nach Lyon,
fort von allen Beziehungen seines Standes trieb, eine Folge der Verführung
seines eignen Lehrers war. So aber wie Egon wollte Rafflard Jeden auf die
Nacktheit seiner natürlichsten Schwäche zurückführen! Da, wo der Mensch klein
wird, setzte er den Hebel an; da, wo der größte Mann zuweilen seinen Beruf
vergisst, wußt' er ihn sicherlich zu überraschen und hatte ihn dann auch für alle
seine Pläne in der Hand. Im gewöhnlichen Verkehr war er liebenswürdig, gefällig
und noch immer gern gesehen, wenn man ihm auch seinen astmatischen Husten
vergeben musste. Diesen tückischen Dämpfer seiner guten Laune, diesen Störenfried
seiner schleichenden Intriguen hatte ihm ein strafendes Geschick seit einigen
Jahren mit auf den Weg gegeben. Dieser Katarrh hatte ihm schon, wie Das in der
großen Welt geht, viele Freunde entfremdet, ja seinen liebsten Freund, den
eignen Magen. Der alte Gourmand kaute stündlich Pastillen und verdarb sich damit
eine Verdauung, die sonst tierisch war und seiner herkulischen Natur entsprach.
    Ein solcher Charakter, ohne Halt, ein reiner Lebensvirtuose, ein Künstler
auf dem schlaffen Tanzseile des gefährlichsten Egoismus, muss durch innere
Notwendigkeit Jesuit werden. Seine Kenntnis der Zeit und der handelnden
Personen überraschte Die, die ihn zu diesem Schritte ermunterten. Er hatte
Verbindungen wie ein zweiter Graf St.-Germain. Selbst wo man ihm die Tür
gewiesen hatte,
