 Form, aber mit einem edlen Inhalte,
könnte die Welt erlösen.
    Egon und Louis horchten auf.
    Ich meine, sagte Dankmar, dass denn doch aus allen Beispielen, die uns unser
Freund Egon da von vergangenen Tagen angeführt hat, ein tiefes und altes
Bedürfnis der Menschheit sich ergibt, sich von den zufälligen Bedingungen der
Existenz, in der ein Jeder leben muss, zu befreien. Wir sind hineingeschleudert
in diese Welt ohne Schutz, ohne Führer. Wir müssen ringen, auf eigene Hand
unsern Anteil an, ich will nicht sagen Glück und Lebensfreude, sondern nur an
der Möglichkeit zu existieren, zu gewinnen. Wir sind wie hungrige wilde Tiere,
fallen ohne Schonung über die Beute her, die wir erreichen können und mäßigen
uns nur durch jenes Quantum von Religion, Sittlichkeit, Gewissenhaftigkeit und
gemütlichem Temperamente, das wir entweder schon bei unserer Geburt mitbekommen
haben oder in der Luft, in die wir versetzt wurden, gewinnen konnten. Ein Mensch
zu sein, ist das große allgemeine Band, das uns umschließt; aber gewährt uns
dieses Menschentum irgend einen andern Vorteil als den der Race, den der
veredelten Potenz des Tieres? Wo hab' ich denn Brüder, die stolz sind, in mir
sich selber wiederzufinden? Wo liegt denn irgend eine Bürgschaft, dass wir die
großen Zwecke des Lebens auf die einfachste, sicherste, kürzeste und glückliche
Weise erreichen? Da ist es nicht zu verwundern, dass die Menschen zu allen Zeiten
gedacht haben, sie müssten sich durch Verabredung und Gesinnung noch in eine
zweite moralische Welt einkaufen, die enger, umgrenzter ist als die große
sichtbare, aber die Ihrigen auch liebevoller und wärmer hegt und beschützt. Die
Religion, das Christentum vor allen Dingen, sollte einst diese zweite Welt
sein, wo wir als Glieder einer unsichtbaren Kirche uns zu lieben haben. Aber die
unsichtbare Kirche wurde leider zu früh eine sichtbare und ihr großer Bau wurde
wieder die Welt selbst, die Niemanden schützt. Es sonderten sich nun Stiftungen,
Klöster, Orden von ihr ab; Konfessionen zerbröckelten diesen riesigen Tempel. Er
ist Denen nur noch eine Heimat, die irgendwo einen kleinen von verfallenen
Säulenschaften eingefriedigten, mit dunklem Gebüsch überwucherten Seitenhof in
ihm finden, wo sie in ihrer Weise Christen sind und im Abendschimmer, von
Nachtgevögel erschreckt, zu dem Geist, der in diesen Trümmern lebte, beten. Der
Staat ist kein Bund der Menschheit, die Gesellschaft ist grausam und lieblos,
die Fürsten behandeln die Völker wie ererbtes Eigentum, wie ich meinen ererbten
Garten behandeln würde, ich säe und ernte auf ihm und lass' ihn mir
wohlgefallen.
    Das Leben ist eine große Gefahr! Wie schützt man sich anders vor ihr, als
dass man zusammentritt, sich verabredet und durch gemeinschaftliche Kraft die
