 da lösen die Liebig's alles Feste und Majestätische in
Wahn und kleine Täuschung auf, und die Mechanik, ist die vollends nicht ein
ungeschlachter Riese, der mit der furchtbaren Keule seiner mathematischen
Gesetze Alles zertrümmert und fast die Erde aus den Angeln ihrer bisherigen
Vorstellung über ihre Kräfte gehoben hat? Ja, Durchlaucht, was ist da Wahrheit?
Der Mensch ist die einzige Wahrheit, die wir begreifen können; der Mensch in
seinem Sehnen, Bedürfen, der Mensch in seinem Hass und seiner Liebe, der Mensch
in seiner Größe und seiner Ohnmacht, und wenn der Schriftsteller jetzt einen
Beruf hat, so ist es der, die Ästetik der Wahrheit zu lehren, d.h. das Fühlen
und Empfinden, das Zittern und Jauchzen, das Verzweifeln und das Triumphiren des
denkenden Ichs. Ästetische Weltanschauung, Durchlaucht, diese wird uns zur
Vermittlung der Extreme führen. In diesem Sinne hoff' ich, wenn die Feder mir
den Dienst nicht versagt, segensreich zu wirken.
    Egon, der auf Principien katonisch strenge hielt, ja etwas Stoisches in
seinen Überzeugungen bewahrte, erschrak fast über diese vague, flimmernde
Erklärung, obgleich er nicht im Stande war, sogleich die Gefahr zu erkennen, die
aus einer zu üppig wuchernden Beweglichkeit des Geistes für den Charakter und
die Reinheit aller Meinungskämpfe entstehen konnte. Dennoch sagte er nicht ohne
Ironie:
    Da will ich nur nicht wünschen, Herr Pfarrer, dass Sie der Sultan kommen
lässt, Ihnen den Sonnenorden umhängt und den Auftrag erteilt, über Muhamed's
göttliche Sendung zu schreiben!
    Guido Stromer war auch sogleich von der Vorstellung des Orients, von dem
Sonnenorden und den Anschauungen des west-östlichen Divans so in seiner
beweglichen Phantasie geblendet, dass er nichts erwiderte, sondern die Augen
gewaltsam und mächtig aufschlug, als würde ihm eine neue verlockende
Gedankenreihe eröffnet, eine Perspective in die Gärten von Schiras und Damaskus.
Er blickte wie ein von Opium Berauschter und flüsterte nur:
    Sonnenorden? Muhamed's göttliche Sendung?
    Also Schriftsteller! unterbrach Egon sein Träumen, das sich noch im Echo
seiner langen Rede zu wiegen schien. O da wünsch' ich von Herzen Glück! Sieh!
Sieh! Wie überraschend Das ist! Herr Stromer, lassen Sie mich bald von sich
hören! Schicken Sie mir das Erste, was Sie veröffentlichen! Wie begierig bin
ich! Wie gespannt! Besuchen Sie mich oft und die nähere Einleitung Ihrer Wünsche
treffen Sie mit dem Justizdirektor!
    Diese Worte waren denn wohl einer Entlassung gleich.
    Stromer, fast erstaunt, dass der junge Fürst eine solche Mitteilung über
sein künftiges Wirken sichtlich doch etwas verlegen, ja ängstlich aufnahm,
verbeugte sich. Es schien über sein bewegliches Antlitz der Gedanke zu fahren:
Der arme junge Mann! Ich hab'
