 Gebiet ist mit der Weltlichkeit in eine bisher ungeahnte
Beziehung getreten. Wie fordern die vielen kirchlichen Regungen nicht selbst die
Politik der Staaten heraus, und wie nahe tritt die Religion überhaupt jetzt
wieder dem Leben, dem täglichen Zusammenhange unseres Ichs mit dem Nächsten, dem
Natürlichsten, was unsere Existenz bedingt! Weit entfernt, darin eine Entweihung
des Gottesgedankens zu finden, sollen wir die Möglichkeit eines neuen Triumphes
für ihn anerkennen. Alles will neugeboren werden, in einem neuen Lichte wandeln,
die Taufe des Geistes empfangen, die Feuertaufe der freien Überzeugung. Nun
wohlan! Da mag geirrt, blindlings getastet, das nächste Endliche und
Oberflächliche zu schnell als Beantwortung einer tiefen Menschheitsfrage
genommen werden; aber es ist doch ein Drang, ein Streben, eine mächtig wirkende
Wahrheit des Gemütes da. Ich sehe hier ein Chaos von Principien, ein wildes,
sich bäumendes Trotzen auf seine Endlichkeit, ein Prahlen sogar mit seiner
Verzweiflung an der Unmöglichkeit, über die Schranken des Diesseits
hinauszublicken; allein selbst im Extrem, selbst in der Karicatur muss ein Denker
staunen, wie doch der Sinn der Menschheit an Idealität zugenommen hat. Ich habe
hier sogenannte freie Gemeinden besucht, deutschkatolische Zusammenkünfte, ich
war unter jungen Philosophen, die etwas wild und zügellos das Nichts ihres
Geldbeutels auf das Nichts des großen Alls bezogen, ich stehe staunend und
verwundere mich über die Vermessenheit der Ohnmacht, und doch hat dies Sehnen
und Schmachten der Kreatur nach Freiheit und Erkenntnis einen unendlichen Reiz
für mich, einen größeren, als früher mein allzuschroffes Verdammen jeder
Richtung, die nicht zu meinem nächsten Ziele führte. Man sagte mir, dass meine
Analyse dieser Erscheinungen neu sei und deshalb will ich anfangen zu schreiben,
so alt ich schon geworden bin.
    Und Ihr eigentliches Prinzip? fragte drängender Egon, den die
Zuversichtlichkeit dieses Tones bei der großen Unsicherheit über Das, was man
jetzt für Wahrheit nehmen soll, fast erschreckte.
    Ich gestehe fast, sagte Stromer, dass ich gegen diese Forderung eines
Principes überhaupt bin. Man soll nicht mehr fragen, was ist Wahrheit? Man soll
den Menschen allein nehmen und die Wahrheit individuell nur auf ihn allein
beziehen. Gott, diese Fülle der Erscheinungen ist ja so interessant! Wie
lieblich ist der Trieb zur Schönheit, wie himmlisch, wie göttlich das Schwelgen
in äußerer Form, in der Harmonie der Teile, im Belauschen der Feiermomente der
Natur! Andererseits acht' ich, ehr' ich den einsamen Denker, der beim
Lampenlichte mit dem grünen Schirm auf dem blöden Auge ein zweiter Faust aus
pergamentnen Schriften Erkenntnis sucht. Jede Freude an der Erscheinungswelt,
auch wenn sie mich ganz erfüllt, ganz entzückt hat, wie lange dauert sie denn?
Da kommen die Humboldt's und zerstören mir alle Märchen der
Schöpfungsgeschichte;
