 seiner Wünsche bei dem neuen Kirchenpatrone, vor dem er,
in Erinnerung alter Irrungen, Beklommenheit genug gefühlt hatte ...
    Sie werden also in der Residenz bleiben wollen? fragte Egon.
    Sie selbst haben sich in der Welt getummelt. Sie kennen das Leben vielleicht
mehr als ich ... sagte Stromer verlegen.
    Sie wollen beobachten? Oder ziehen Sie vor zu reisen?
    Zu einer Reise fehlen die Mittel ... Ich werde ohnehin schon Mühe haben,
eine doppelte Existenz zu bestreiten. Ich denke also hier zu bleiben. Manches
Haus hat sich mir bereits erschlossen. Manche bedeutende und einflussreiche
Persönlichkeit ist mir zuvorkommend schon entgegengetreten. Ich habe mit
Erstaunen bemerkt, dass die Erscheinung eines Menschen, der nur lernen, nur
auffassen, richtig beurteilen will, etwas Neues in der Gesellschaft ist.
    Wenigstens Der, sagte Egon, der eine solche Absicht von sich offen
eingesteht.
    Die Menschen finden es sonderbar, fuhr Stromer ermutigter fort, dass man
nicht mit ihnen streitet und darum doch nicht ganz ihrer Ansicht ist. Ich finde,
dass die Sucht, Alles in Parteien zu zerklüften, uns den Kern der Dinge raubt und
nur die Schale lässt. Sie bewundern zuviel, sagte man mir schon. Sie geben jedem
Irrtum eine zu gefällige Entschuldigung! O welche Unduldsamkeit! Der Geist
wirft durch das Prisma des Lebens alle Farben des Regenbogens. Wie kann ich eine
Mischung der Strahlen über die andre setzen?
    Guido Stromer sprach diese Worte mit einer gewissen schmiegsamen Grazie.
    Da können Sie ja der Verkünder eines neuen Evangeliums werden, sagte Egon
lächelnd und teilnehmend. Das alte, auch das christliche, ist sehr exclusiv.
    Doch nicht! sagte Guido Stromer. Auch die Christuslehre will keine objective
Wahrheit. Sie will nur eine persönliche Wahrheit. Warum ist der Herr für uns
gestorben? Warum sollen im Leib seines Lebens und Blut seines Todes unsre Herzen
leben? Der allmächtige Zauber der ergriffenen Persönlichkeit, heißt Das, ist die
Gewalt, die selig macht; der tote Buchstabe, die objectiv sein wollende
Wahrheit ist es nicht.
    O Das ist ja herrlich, Herr Pfarrer! rief Egon in seiner nach allen Seiten
hin heute so glücklichen Anregung und dabei immer gespannt das Bild im Auge
behaltend, auch manchmal wie auf Helene d'Azimont's Nähe lauschend. Predigen Sie
doch ja hier überall diese Lehre! Sie tut der ganzen Welt so not, dass ich gern
ertrage, wenn Sie sie noch einige Zeit den Bewohnern von Plessen vorenthalten!
Wie lange wollen Sie, dass ein Vikar dort für Sie eintritt?
    Gestatten Sie mir ein Jahr, Durchlaucht! sagte Stromer bestimmt.
    Sprechen Sie mit dem Justizdirektor darüber! Haben Sie schon Ihren
Ersatzmann?
    Propst Gelbsattel, in dem ich einen Freund und
