
    Führe sie herein! rief Egon. Wer will mich sprechen? Wer ist da? Ich muss
Menschen sehen! Menschen umarmen ...
    Damit legte er das so wertvolle, abenteuerliche Bild auf die grüne Decke,
ging selbst an eine Seitentür und öffnete.
    Herein! herein! rief er mutig und kraftvoll. Ich lebe wieder! Kommt! Ich
habe das Licht der Sonne empfunden, ich habe den Duft der Blumen eingezogen.
Kommt, Menschen! Kommt! Ich bin genesen.
 
                                Drittes Kapitel
                                 Alte Bekannte
Egon suchte aber die Menschen nur, weil er den Moment, nun wirklich das von ihm
mit so vielen Abenteuern gesuchte Bild zu besitzen, nicht ertragen konnte. Das
Bild öffnen, nach seinem Inhalte forschen, er hätte es jetzt nicht vermocht. Er
bedurfte eines Anhaltes an etwas, was ihm erst Beruhigung bot. Er glich in
diesem Augenblicke jenen Menschen, die nicht im Stande sind, ein Gefühl mächtig
und voll auf sich wirken zu lassen; Menschen, die weinen, wo sie lachen, lachen,
wo sie weinen sollten; Menschen, die einen geliebten Freund, das Teuerste auf
Erden, das ihnen lange entrissen war, nicht sofort wieder zu sehen vermögen,
sondern in einen Winkel flüchten, wenn Alles dem Ersehnten schon in den Armen
liegt, ihn herzt und küsst; in dem Winkel still für sich weinen, weil ihr Herz
nicht im Stande ist, eine so furchtbare Erschütterung wie ein der menschlichen
Kraft Mögliches zu erleben und das Unglaubliche wie wirklich zu ertragen.
    Nur um sich von dem Schrecken, das Bild zu sehen, es wirklich überschwer zu
finden, das Geheimnis seiner Mutter nun, er wusste nicht wie, in Händen zu haben,
zu sammeln, riss Egon die Tür auf und rief:
    Wer begehrt nach mir?
    Der Erste, der eintrat, war ein schlichter gesundblickender, heiterer,
frischer Naturmensch. Aus diesem Auge strömte Waldluft, strömte Erkräftigung.
Freude und Treuherzigkeit, die sich zwar mit einer gewissen Überwachung mischte,
lachten Egon an und mussten dem kranken, jungen Fürsten innig wohltun.
    Wir erkennen an seinem gesunden, vollen Gesicht, dem fuchsblonden Barte und
der ruhigen Treuherzigkeit seines zahmen Löwengesichtes den Förster Heunisch aus
Hohenberg.
    Ich kenne Euch, Heunisch, sagte Egon, als der Förster seinen Namen genannt
hatte und die lebendigste Erinnerung ihn an das Bild und was mit ihm
zusammenhing jetzt fast folterte; ich hab' Euch gesehen. Bringt mich nur auf die
Spur; wo? Wo?
    Durchlaucht, vor Allem meinen herzlichsten Glückwunsch zu Ihrer Genesung!
sagte etwas zaghaft der Förster, schlug aber mit waidmännischer Biederkeit seine
mit weißen waschledernen Handschuhen zierlich geschmückte kräftige Hand in die
magere des Prinzen.
    Jetzt weiß ich, Heunisch, wo wir uns gesehen haben
