 Werdeck, die ich Ihnen zu malen
überließ, nicht sogleich auch an Liebe denken?
    Ich bitte Sie, Leidenfrost..
    Es ist eine schöne unternehmende Frau ... eine Polin! Wenn Sie wüssten, sagte
Siegbert fast errötend, wie verächtlich mir die Männer sind, die bei jedem
weiblichen Wesen sogleich an eine Eroberung denken! Im Gegenteil weckt die
Bekanntschaft dieser Frau mir die dringendste Neugier, gerade ihrem Manne näher
zu kommen. Sie verachtet unsere politischen Zustände und hasst sie in einem
Grade, dass ich nicht begreife, wie ein Offizier in ihrer Nähe sich behaupten
kann ohne ein Heuchler oder Tyrann zu sein, was Major von Werdeck doch wohl nicht
zu sein scheint ... Woher kennen Sie diese Werdecks?
    In Werdeck's Innerm, sagte Leidenfrost ausweichend und fast geheimnisvoll
zur Erde blickend, gährt es wie in dem Herzen vieler Edlen, die in Verzweiflung
geraten, ihre bessere Überzeugung mit den Anforderungen ihrer Stellung in
Einklang zu bringen. Schliessen Sie sich dem Manne an, Wildungen!
    Seine scharfen Züge wirken fast abstoßend auf mich ... Jede bedeutende
Kapacität, die handeln will, muss etwas vom Mephistopheles haben. Wir sind Alle
etwas borstig und widerhaarig, die wir eine Meinung behaupten. Ich weiß wohl,
wie unangenehm ich durch meine Überzeugungen wirke. Lieben kann man uns nicht.
Aber Major von Werdeck wird noch einst in der Geschichte Epoche machen, wenn er
nämlich auch von den Halben zu den Ganzen übergeht!.. Adieu, Freund! Vergessen
Sie nicht Ihren Bruder zu sondiren!
    Damit hatte sich Leidenfrost eine der Zigarren angezündet, seinen grauen
Filzhut über den Kopf gestülpt und in ruhigem Schlendergange das Atelier
verlassen ...
    Die Worte: Wenn er von den Halben zu den Ganzen übergeht! hallten in dem
inzwischen leer gewordenen Atelier so nach, dass Siegbert vor ihrem Widerklange
fast erschrak. Es lag in Leidenfrost's Betonung etwas, das ihn selber traf und
doch verdross ihn der Schein des Geheimnisses, der plötzlich die ihm so
liebgewordene Gestalt des talentvollen, mit sich und der Welt fast zerfallenen
jungen Künstlers umschleierte. Zum ersten male sprach in ihm eine Stimme: Folge
diesen dunklen Wegen nicht ohne Vorsicht! und dennoch stand er sinnend vor der
Skizze, die Leidenfrost vom Nicodemus entworfen hatte. Das schleichende,
ängstliche Aufsteigen des seines Irrtums sich bewussten Pharisäers zum Tempel
der Wahrheit erschütterte ihn tief ... Er sah die ganze Zeit wieder, die ganze
Schwere, die auf den Gemütern lastet, den Widerspruch zwischen der bessern
Überzeugung und der irdischen Rücksicht bei Hunderttausenden ... Nicodemus!
seufzte er.
    Es währte lange, bis er zu seiner eigenen Staffelei zurückkehrte.
 
                                 Elftes Kapitel
                                  Zwei Besuche
Siegbert war im Atelier allein, er wollte lange arbeiten und
