! Wie würde die
schwache Kraft des Einzelnen wachsen und mit Adlerschwingen emporfliegen! Wie
würde Feindschaft, Isolirung, Geschmacksanarchie weichen und Alles zu
Gesammtschöpfungen sich vereinigen, da hinfort nicht mehr aus uns die Willkür,
sondern die Idee selbst herausbricht und in duftende, bunte Blüten schießt!
Jetzt leben wir versteckt, fast, wie Lessing's Maler sagt, vom Diebstahl der
Natur; dann würden wir geborene Krösusse sein und die Natur zu bereichern
scheinen!
    Heinrichson schickte sich nach diesen Worten an, zum Zeichen des Aufbruchs
seine Pinsel zu reinigen,.. eine lästige Arbeit, mit der die Maler, wenn sie in
Öl arbeiteten, ihr vormittägiges Tagewerk beschlossen. Des Nachmittags kamen
Wenige in das Atelier, so anziehend auch die Kühle des Raumes war ...
    Reichmeier aber lobte diesmal zu Heinrichson's Ärger Das, was Siegbert
gesagt hatte. Nur bedauerte er, dass man selbst in Frankreich, wo doch das
nationale Leben am unmittelbarsten in jedem Einzelnen sich wiederfände, es nicht
dahin hätte bringen können, die von der Regierung selbst beschaften
künstlerischen Bestellungen ohne Neid von den Künstlern, die leer ausgingen,
betrachtet zu sehen. Indessen fügte er hinzu, ist es doch immer erhebend zu
beobachten, wie die gewöhnlichsten Bauern und Handwerker durch das Museum von
Versailles wandern und sich die Heldentaten der französischen Nation von
Chlodwig bis zu den Feldzügen in Algier betrachten. Auch die Theater und sogar
die Literatur sind in Paris weit mehr Volkssache als bei uns, und Niemand murrt
darüber.
    Und doch noch Alles zu sehr Spekulation, sagte Siegbert, zu sehr Willkür des
Einzelnen!
    Mein Freund Wildungen, nahm Leidenfrost in seiner ruhigen kaustischen Weise
die Erörterung auf, mein Freund Wildungen will Griechenland wiederherstellen und
weiß nicht, was er da erst Alles abschaffen müsste. Ich will von unsern zwanzig
Grad Reaumur im Winter nicht sprechen. Man hat bei uns die Kirchen gebaut, ohne
Rücksicht auf das Klima, rein aus Nachahmung der warmen Gegenden, die die Wiege
des Christentums waren! Aber dies Christentum selbst ist seinen Plänen im
Wege. Gerade dieser Religion verdanken wir die gänzliche Unmöglichkeit, die
schönen Künste irgendwie anders in den Staatszweck einzuführen, als wir sie
jetzt haben. schafft uns erst die Verachtung der Welt, die mönchische Isolirung,
den Miskredit des absolut Schönen, die Zweideutigkeit alles Formenreizes ab, und
hernach wollen wir mit der Menschheit sprechen! Das macht sich aber nicht.
Apollo steht auf dieser Wolkenschicht und Christus auf der andern. Die Menschen
fallen nicht dort, sondern hier nieder, nicht vor dem schönen griechischen Gotte
mit den menschlich vollendeten Gliedern, sondern vor dem ernsten, strengen
verhüllten Lehrer der Entsagung! Die Tugend und Enthaltsamkeit ist den Menschen
so ehrwürdig, dass sie aus Einem, der sie bis zur
