
Materialismus die Flucht ergreifen? Warum die Fahne Rafael's und Dürer's im
Stich lassen und zu den Fabrikarbeitern und Nützlichkeitslehrern übergehen! Auch
ich fühle für die praktischen Bedürfnisse des Volkes und die Notwendigkeit,
Alles zu bekämpfen, was die Tyrannei des alten Systems aus der Kunst entlehnt,
um sich zu schmücken und scheinbar als Blüte der Humanität darzustellen, aber
...
    Nun, rief Leidenfrost, nun? Sie sagen da etwas Entsetzliches, Wildungen! Sie
stocken schon! Die Tyrannei entlehnt aus der Kunst, um sich zu schmücken und
sich scheinbar als Blüte der Humanität darzustellen.. schlagendes Wort! Bricht
diese nichtswürdige Lüge aber nicht der Kunst den Hals für immer?
    Nein, sagte Siegbert ruhig, sie beschämt nur die Tyrannei. Die Kunst selbst
kann, darf nicht leiden unter ihrer falschen Anwendung. Der Sinn für das Ideale
darf nicht aussterben, die neidische Feindschaft gegen das Schöne nicht gehegt
und befördert werden. Sagen Sie selbst, Leidenfrost, in unserm neuen Freunde,
dem liebenswürdigen Franzosen Louis Armand, liegt nicht bei all seiner
Vortrefflichkeit und seiner warmen Empfindung für die Leiden des Volkes etwas in
ihm, was man einen mangelnden sechsten Sinn, den der Schönheit nennen könnte?
    Fünf Sinne brauchen wir nur! antwortete Leidenfrost trocken.
    Reichmeier fragte noch einmal nach dem Namen des Franzosen, den er eben
erwähnt hörte..
    Louis Armand! wiederholte Siegbert.
    Louis Armand aus Paris? Ich kenne einen Vergolder dieses Namens, der dicht
an Delaroche's Atelier wohnte.
    Heinrichson, dem das Gespräch zu politisch wurde und es darum auf Anderes
lenken wollte, sagte:
    Gewiss, derselbe, oder ein Agent seines Geschäftes, der sich hier
niedergelassen hat. Man rühmt die Proben seiner Gemälderahmen und hat Vieles
bestellt ...
    Er hatte in Paris ein bescheidenes, aber gesuchtes Geschäft, ergänzte
Reichmeier. Das ganz Landhaus einer vornehmen Dame, der Gräfin d'Azimont, sah
ich ihn einmal mit Spiegeln auslegen, wo er vielen Beifall erntete. Ich habe
einige enkaustische Sachen für diese Einrichtung gemalt ...
    Heinrichson verstand Reichmeiern und merkte die Absicht, dass er ihm
behilflich sein wollte, den politischen Faden abzuschneiden, den er nicht
verfolgen wollte, da er ein leidenschaftlicher Anhänger des Bestehenden war und
nur mit Vornehmen umging.
    Ein Handwerker, sagte er, der von Künstlern lebt, sollte gegen die Künste
dankbarer sein. Ich finde es sehr komisch, Gemälderahmen zu machen,
Spiegelpaläste zu zaubern und gegen Gemälde und den Luxus überhaupt,
wahrscheinlich als Sozialist, zu polemisiren. Apropos! Die Gräfin d'Azimont..
    Tragisch ist Das, bester Heinrichson, unterbrach Siegbert, der, wenn er
einmal in Erregung war, von seiner Glut für die richtige Überzeugung nichts
vergab und nun
