 verderblich. Sie war durch
Bildung und Natur ein Kind ihrer Zeit und litt unter dem Druck dieser ihr nicht
gleichmäßigen Existenz. Ihr war nie wohl daheim! Sie musste immer hinaus aus
diesen Fesseln ihres Geschmacks, musste immer träumen von üppigeren Existenzen
und erhielt dadurch die Unruhe und Beweglichkeit, die sie schon zu so mancher
Torheit verleitet hatte. Ihre Phantasie, immer in dem Drange, sich etwas Andres
zu schaffen, als was sie besaß, war nicht gebunden durch jene Häuslichkeit, die
beim Weibe die lebendigste und in manchen Fällen oft einzige Unterstützung der
Tugend ist. Wer sich in seinem gewohnten Dasein gefällt, gerät nicht in die
Strudel jener unbefriedigten Gemüter, die das Glück überall, nur nicht am
eignen Herde suchen.
    Ohne nun Dankmar weiter im Auge zu behalten, bemerken wir, dass Melaniens
Erwartungen für den heutigen Tag auf's höchste gespannt waren. Sie durchflog die
trotz der Hitze draußen kühlen Zimmer wie ein gefiederter Genius auf und ab.
Einen stillen Platz, wo sie selber waltete, hatte sie nie gehabt. Den kleinen
Cultus sinniger Gemüter, die sich irgend ein Zimmer und wär' es noch so klein,
irgend ein Plätzchen und wär' es noch so eng, nach ihrem eigenen Gefallen
ausschmücken, hatte sie nicht. Sie schrieb ihre Briefe, wo sie einen Tisch fand.
Kein Arbeitszimmer, das ihr allein gehörte. Überall fand sich ein Stückchen Spur
von ihr. Sich einzuspinnen an irgend einem ihr allein angehörenden Orte, war ihr
unmöglich. Sie hatte Schränke, wo sie das Ihrige beisammen fand, andre, wo sie
Briefe aufbewahrte, sie hatte Nippsachen und Andenken genug; aber sich
anzusiedeln an einer und derselben Stelle mit Allem, was ihr teuer war, das
verstand sie nicht. Es war ihr eine Epheulaube gebaut worden mit Hängelampen und
rankenden Gewächsen in zierlich gebrannten, aufgehängten Töpfen, sie hatte
darunter einen kunstvoll gebauten Schreibtisch, sie saß aber nie davor. Das war
ihr Alles zu eng, viel, viel zu pedantisch. Entweder saß sie in einem der Erker,
wenn sie schrieb ... Konnte sie doch da bei jedem Federzug auf die lärmende
Straße sehen!.. Oder wenn sie zeichnete und malte, worin sie etwas Fertigkeit
errungen hatte, musste die Staffelei heute hier, morgen da stehen. Bald war sie
bei der Mutter, bald bei dem Vater und wenn sie Beide genugsam gequält hatte,
rief sie ihr Mädchen Jeannette, um sich anzukleiden, oder ging in ein
Hinterzimmer, wo sie Büglerinnen, Näterinnen, Putzmacherinnen antraf, die immer
für das große Haus und seine verschwenderische Ökonomie zu nähen, stricken, zu
wirken und zu arbeiten hatten.
    Am Abend vorher hatte sie dem Vater schon Einiges von Dem mitgeteilt, was
er von
