 und demselben Geiste doch noch könne göttlich
regiert werden.
    Ein solcher Versuch, die zerstreuten Lichtstrahlen des Lebens in einen
Brennpunkt zu sammeln, ist die Geschichte, die ich Dir, lieber Leser, hier
aufgerollt habe. Sie ist in den Tatsachen und dem sozusagen allegorischen
Rahmen nicht neu, aber neu in der Verknüpfung. Kurz konnte sie ihrer Natur nach
nicht werden, denn um Millionen zu schildern, müssen sich wenigstens hundert
Menschen vor Deinen Augen vorüberdrängen. Denke nur immer, dass der Zweck und die
Aufgabe so lautet:
    Die Missionaire der Freiheit und des Glaubens an die Zeit sind es ihren
Gemeinden schuldig, ihnen zu zeigen, wie die ganze Fülle des Lebens von ihrem
neuen Lichte beschienen sein kann und wie es sich noch mit den alten Lungen
atmen lasse, überall, in jedem Winkel Gottes, den der neue Luftzug der Idee,
der Pfingstzeit neues Windeswehen bestreicht. Die äußere Welt ist durch
Künstlerhand allein nicht zu ändern. Lasst vorläufig unsere Minister und die
Soldaten dafür sorgen! Aber die innere Welt, die, welche Jeder in seiner Brust
trägt, die kann schon eine umfassende, in allen Höhen und Tiefen des Lebens aus
einem Gesichtspunkte betrachtete und eine festbegründete sein. Diese
Allseitigkeit war mein Ziel. Ich sage nicht, dass ich ein Panorama unserer Zeit
geben wollte. Wer vermöchte Das? Die Aufgabe wäre nicht zu lösen, und anmassend
erklänge es, wollte sich ihrer Jemand anheischig machen. Aber ein gutes Stück
von dieser unserer alten und neuen Welt sollte aufgerollt werden, eins, gerade
groß genug, um ein Menschenleben zu ermuntern, dass es nicht verzage, sondern
getrost in dem einen Geiste der Freiheit und Hoffnung fortwandle und sich die
laufenden, tagesüblichen Bedrängnisse der innern Überzeugung nicht zu sehr
verdrießen lasse.
    Lass Dich denn also von mir, lieber Leser, in diesen Blättern einspinnen, wie
der werdende Schmetterling sich in den Kocon spinnt, wo er Blatt und Baum, auf
dem er hilflos kroch, preisgibt und sich wie in dem Vortraum seines neuen
Lichtlebens begräbt. Die Kunstrichter mögen richten; die voreilige Kritik mag
Dir die Lust nehmen wollen, dem Erzähler zu folgen; achte ihrer nicht und bleibe
treu dem Dich einhüllenden Gespinnst, bis dem weitern Verlaufe zu die Hülle
bricht, und in anschauender Prüfung meiner Absicht auch Dein Geist mit bunten
Hoffnungen und heitern Glaubensschwingen in jene Gemeinschaft der Getreuen und
Vesten, der Ritter vom Geiste, aufsteigt, von deren Schicksalen diese Blätter
erzählen.
    Dresden, am Pfingsttage 1850.
                                                                   Karl Gutzkow.
 
                                  Erstes Buch
                                  Erstes Kapitel
                          Das Kreuz und das Kleeblatt
An einem heißen Sommernachmittage saß ein junger Mann, von summenden Käfern
umschwärmt, das Haupt auf eine über die Knie ausgebreitete Mappe beugend, vor
einer einfachen ländlichen Dorfkirche, um sie zu zeichnen.
