, Ihrem Bedürfnis nach Anlehnung, Sie hab' ich in Nadasdi gefunden. Ich
sah eine Frau, von der ich wusste, warum sie liebt. Sie lieben deshalb, weil
Ihnen die männliche Ergänzung Bedürfnis ist und wer mir gesagt hat, Sie wären
von einem männlichen Geiste, dem hab' ich geantwortet:
    Nein, diese Frau ist ganz Weib und wenn man's nicht glauben will, so lese
man den Nadasdi.
    Schlimmes Kompliment! antwortete Pauline überrascht von Schlurck's
Artigkeit, hinter der ihr etwas verborgen schien. Sie wollen doch wohl nur
andeuten, dass wir nichts ohne die Männer vermögen und dass wir, wenn wir einmal
selbst etwas schaffen wollen, höchstens einen misratenen Roman zu Stande
bringen?
    Vergebung, sagte der Justizrat halb und halb beistimmend und das Bittere
seiner Äußerung durch einen Handkuss überzuckernd, ich wollte nur sagen, warum
ich die berühmten Schriftsteller gern aus den Werken studire, die sie nicht
gesammelt haben. Ich komme darauf zurück, dass über die Stellung, die das Herz zu
unserm Jahrhundert einnimmt, doch wohl die Damen entscheiden mögen.
    Nun aber der Geist? sagte Pauline. Sie vergessen die Erklärung des
Widerspruchs, in dem die kleinen Zirkel über jene Angelegenheiten befangen sind.
    Beste gnädigste Freundin, sagte Schlurck, der Geist ist ein Chamäleon oder
einer jener delicaten Fische des Altertums, der sich in italienischen Seen
finden soll und über dessen Geschmack ich nichts sagen kann, ebensowenig wie
über seine zweckmässigste Zubereitung. Dieser Fisch aber, soviel weiß ich, meine
Beste, hatte die curiose Eigenschaft, dass er, gekniffen und gemartert, in
hundert Farben spielte. Über den Magen, über das Herz ist man einig; man weiß,
dass speisen und lieben oder, um mich anständiger auszudrücken, geliebt werden in
dieser Beziehung die befriedigendsten Seligkeiten gewähren, aber der Geist,
dessen Nahrung, dessen Befriedigung, darüber rennen sich die Behälter des
Geistes, die Köpfe, blutig aneinander. Was im Mittelalter Geist war, nun wohl,
das wusste man damals, es war Religion und Scholastik. Was in der Reformation
Geist war, das wusste man auch, es war Bibelerklärung und hebräisches
Wortgeklaube. Was im vorigen Jahrhundert Geist war, das kannte man unter dem
Namen Esprit, Voltaire, Hume. Aber was jetzt Geist ist, gnädige Frau, was jetzt
dem Einen tief, dem Andern oberflächlich erscheinen soll, darüber herrscht mehr
Anarchie als in der Gesetzgebung über die Einreden und Verjährungen. Erstaunen
Sie nicht, die kleinen Zirkel halten es geradezu für geistreicher, der Kommune
den Sieg in dieser Frage zu gönnen als dem Fiscus.
    Für geistreicher? wiederholte Pauline lachend. Das zu fassen, bin ich zu
geistesarm. Romantischer, sagen Sie!
    Meine Beste, fuhr Schlurck
