
versehen, denen fast sämtliche Glasscheiben fehlten. Vögel hatten daselbst ihre
traulichsten Nester angebracht und unterhielten sicher die Gefangenen, wie
Kondorcet sich mit den Spinnen unterhielt. Dankmar musste lachen, wenn er
gedachte, dass hier eine gute Leiter und eine Feile, geschickt von einem guten
Freunde bei Nacht dirigirt, jeden Gefangenen befreien konnte; denn der Turm lag
ganz frei, ganz außer dem Orte, in dem offensten Zusammenhange mit der
Landstraße, dem freien Felde und dem Gebirge. Er legte sich, behaglich
angemutet, eine Zigarre rauchend, am Fuß des criminalischen Gemäuers nieder,
recht in die Mitte unter frischen, duftenden Feldblumen, unter gelbweissen
Kamillen, dunkelroten Klapperrosen, blauen Glockenblumen, Winden und zwischen
hochstämmige hier und da aufgeschossene wilde Wurzel- und Staudenpflanzen.
    Da fühl' ich's, dachte er im Sinne des Bruders, da fühl' ich's, was doch zum
Ergreifen des Pinsels treiben kann! Wer möchte dies weite Feld, diese Wiesen,
diese schlängelnden Bäche mit den Turmspitzen und blitzenden Fenstern der
Meierhöfe nicht dauernd festhalten! Wär' ich ein reicher Mann, trotz meines
Bruders historischem Pinsel, nur Landschaften gewänn' ich mir! Die andern Maler
geben mir alle zu viel aus sich und nur aus sich, der Landschafter gibt nur
das, was ich brauche, um mich selber zu erfreuen und mich mit ihm in gleiche
aber freie Stimmung zu setzen. Auch ein Genrebild will, dass man gerade diesen
Moment und nur diesen, den der Künstler darstellt, genießt. Bei jeder
Verschiebung der Gruppe hört das Bild schon auf, die Veranlassung gemalt zu
werden, zu verdienen. Aber die Landschaft, die bleibt sich immer gleich! Der
Beschauende wechselt. Er wechselt nicht in seinen Stimmungen, denn die sei eine
und dieselbe durch jedes Landschaftsbild, aber in seinen Gedanken, in seinen
Betrachtungen, Anknüpfungen, Auslegungen. Könnt' ich dort den Waldesrand auf dem
Berge so nun für ewig mit mir führen! Es wäre ein Gefühl damit verbunden, das
mir immer und immer gleich bleiben würde. Das Pünktchen da oben am Bergrücken
ist fast eine Kappe von dunklerm Grün, die der hellgrün gekleidete Berg sich
aufgesetzt hat! Wie mag es unter diesen Tannen da rauschen, singen, flüstern!
Hätt' ich das nun immer so bei mir, könnt' ich's in einem Bilde so mit mir
führen, wie gewiss wär' ich, dass mir nicht nur diese Vergleichungen, sondern
diese ganze selige Stimmung, hier unter dem plessener Gerichtsturme und am Fuße
des Schlosses Hohenberg, nie verloren ginge! Es könnte nun kommen im Leben, was
da wolle, ich sähe mein Bild, und immer genöss' ich das wieder, was ich jetzt
genieße ... Ich muss
