 mit Aufrechtaltung aller Formen zu
tun. Sie begleitete ihren Gemahl nach Buchau, wo sie einige Tage zu bleiben und
sich dem Hof feierlich zu empfehlen beschloss. Die Ludmer folgte ungern. Sie
dachte an den dortigen Inspektor Mangold. Doch die Hilfe ihres Erben und
»Neffen,« des Herrn Pax stand ihr ja zur Seite. Zur Sicherung der Herrschaften
war auch dieser nach jenem äußersten Grenzpunkte abgereist. So drängte es Alle
nach Westen; wir wissen nicht, ob auch Oleander'n, der am Nikodemustage auf dem
Tempelstein vielleicht nicht fehlte, Oleandern, der wie ein Harfner, wenn auch
vielleicht unsichtbar, um alle die Gestalten, die wir in dem Schutt ihres Lebens
wie vergraben finden, den Epheu seiner Poesie ranken ließ, einer Poesie, die, in
den meisten Menschen unbewusst, als Stoff nur für den Seher lebt. Oleander führte
Buch über die Seelen, die da an sich so wild vorüberjagten, sich niederwarfen
oder vielleicht nur Einmal und dann nicht wieder berührten. Oleander war im
Stande, die Empfindungen des Fräuleins von Flottwitz, wenn sie Dankmar's
gedachte, ebenso nachzudichten, wie er auch, nachdem er schon die Veranlassung
eines neuen Misverständnisses zwischen Egon und Helenen durch Olga geworden war,
sich selbst in diesen unheilbaren, ewigen Bruch hinein fühlte mit einer
Melancholie, die in gewissen Momenten sicher auch in Egon, zuweilen in Helenen
auftauchte bei aller Trennung durch die Welt und das Leben. Oleander dachte
wenigstens nur an Helenen und Egon, als er einst schrieb:
Wer glaubt an Riesen, die den Himmel stürmen,
An Göttersöhne, frevelnde Titanen,
Die Berg auf Berg zum Wolkensitz der Ahnen,
Ja ihre Leiber, sich erwürgend, türmen!
Und doch rast dies der Erde Urgewimmel
Zu jeder Stunde noch im Menschenherzen,
Das über Schädelstätten fremder Schmerzen
Erklimmt des Wahn's und seiner Träume Himmel.
Die Gräber werden Spielplatz, heiße Tränen
Wie aus dem Tonrohr steigen bunt wie Blasen,
Gehascht, gejagt auf dem zertretnen Rasen
Des heiligsten Erinnerns! Und warum? ... Ein Wähnen
Hängt Haut an Haut, wie Schlangen tun, an Bäume!
Jetzt bist du frei, jetzt steigst du auf mit Flügeln,
Nun kann dein Arm die Sonnenrosse zügeln,
Nun trittst du schon auf ros'ge Wolkensäume!
Ihr Toren! Ob Titanenfäuste einen
Dem Ossa Pelion, ob dieser Welt nie Frieden
Der Menschengenius bietet - die Kroniden
Verhüllen sich und lächeln nur und weinen.
Die Harmonie im Menschenchaos ist nur dem Ohre Geweihter vernehmbar. Was Poesie
dem Allblickenden ist, ist Dem, der sie erlebte, oft davon das baarste
Widerspiel. Ihn macht dieselbe Tat ergrimmt, die einen Andern hebt und tröstet.
Der Dichter nur ahnt, in welchem Endergebniss Aller Dasein den Sternen
