 Schrecken
schlummernd nichts ahnte, diesen schwindelnden Steg schon vor dem Brande
gesucht, den Brand veranlasst hätte - wenn er ein Nachtwandler wäre -!
    Das war ein Wort, das Alle auf einmal ergriff ...
    Ein Mann in schon zerrissener Tracht ruft durch den schwärzenden Qualm - Er
bricht sich durch die Flammen Bahn, er erklimmt die innern Stiegen des
verschlossenen Hauses, reißt die Fenster auf, langt mit der Hand fast hinüber zu
dem Steg, auf dem der junge halb Geopferte, auf seiner Bürde schlafend, noch
nicht erstickt ruht, den Rücken gelehnt an die geschlossene Tür. Er ruft: Paul!
Paul!
    Die Flammen schlagen von unten heran auch ihm in's Antlitz. Noch einmal
blickt er empor. Paul! Paul! Er sieht nichts mehr. Nur Rauch, Asche, Staub,
Flamme ... Ein Schrei der hilflos Zusehenden weckt ihm die schaudervollste
Ahnung ... er schwankt zurück, kräftige Hände tragen ihn, retten den
Rettenwollenden vor dem sichern Tode. Ein Mädchen frägt er ächzend, das ihm
nachgeflogen war, ihn mit Amazonenkraft getragen hatte, er frägt Burschen, die
sie an Mut heldisch überflügelte, nach dem Schlummernden, nach dem Schrein - in
diesem Schrecken ist keine Besinnung möglich, keine Auskunft, es ist wie eine
große entsetzengepeitschte Flucht, wo Jeder sein Heil für sich selber sucht,
betet, dass Gott den Andern wahren möge, für sich aber nur nach Fassung ringt für
Das, was Ruhe, Sicherheit und ist es Nacht, der hereinbrechende Morgen dem Auge
Grauenvolles wird enthüllen.
 
                              Vierzehntes Kapitel
                                  Die Elemente
Unabsehbar war in der Residenz das Trauergefolge gewesen, das die sterblichen
Reste des greisen Obertribunalspräsidenten zur Ruhe bestattet hatte. Kein Stand,
kein Alter hatte sich ausgeschlossen, die letzte Huldigung einem Manne zu
bringen, der durch fast zwei Menschenalter die Waage der Gerechtigkeit nach
seinem menschlichen Ermessen gerecht und weise gehalten und noch in seinem
letzten Lebensjahre durch unparteiische und scharfsinnige Entscheidung eines
großen Rechtsfalles die Abendschimmer einer fast schon irdischen Verklärung um
sich verbreitet hatte. Tausende von Fussgängern, fast hundert Wägen, voran das
Sechsgespann des nicht grade anwesenden Königs, folgten von Tempelheide dem an
dem nächsten Stadttor gelegenen Friedhof, wo glücklicherweise, wenn auch zum
Schmerze Anna's, vermieden war, den Zelotismus der Geistlichkeit wachzurufen,
die ohne Zweifel an den von dem Verstorbenen ausdrücklich bedungenen
Freimaureremblemen auf dem Sarge Anstoß genommen und, wie anderswo schon
geschehen ist, den unchristlichen Sinn des Hingeschiedenen gerügt hätte.
Gelbsattel trat vor und sprach als Maurer, nicht als Geistlicher. Er konnte
nicht umhin, dem Gefühl der Ehrfurcht, das Alle empfanden, den Ausdruck der
Weihe zu geben. Der Moment riss ihn fort, er trat aus dem künstlich gegrabenen
Bett seiner Rhetorik diesmal heraus
