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    Dieser tollkühne, so liebenswürdige und so gefährliche Dankmar Wildungen
hatte Recht, als er mir eines Tages, da von dem Übertritt einer berühmten Frau
die Rede war, sagte: Diese Frau handelte sehr inkonsequent oder sie weiß nicht,
dass die Nachtigall ein Männchen ist. Überlegte sie, dass Gott es so geordnet hat,
dass die Männchen im Walde die Herren, die Männchen nur schön sind und nur die
Männchen singen, wüsste sie, dass nur eine ihr sonst so seltene Galanterie der
deutschen Sprache aus dem Sprosser, der allein schlägt, eine Nachtigall machte,
aus der Sonne, die in allen Sprachen männlich ist, bei uns allein eine Dame und
den überall weiblichen, überall abhängigen Mond bei uns zum Herrn, zum
Maskulinum, so hätte sie in dem konsequenten Streben nach Freiheit und
Frauengrösse eigentlich dem Weltenschöpfer den Handschuh zum Kampfe hinwerfen und
in die Schule der neuen Ateisten gehen müssen. Aber von den Regierungen
verfolgt werden, mit der Gesellschaft zerfallen, von der Aristokratie verdammt
und verketzert werden, Das entspricht freilich nicht den Allüren dieser Ästetik
und so wählte sie statt der genialen Malice auf die Weltordnung, die eine
charakteristische Konsequenz gewesen wäre, eine ihr gar nicht natürliche
demütige Unterordnung, statt Byron's den ihr im Stillen höchst langweiligen
Thomas a Kempis, statt des unscheinbaren Doktors Feuerbach bei Nürnberg den
freilich pompöseren Papst in Rom.
    Das Paar stand nun auf ... Die Fürstin wusste, dass sie diese Art von
Erinnerungen, wenn Egon fest dabei blieb, nicht durch Scherz stören durfte. Sie
wusste, wie Egon litt unter dem Druck seiner Überzeugungen und Pflichten. Er
terrorisirte sich ja selbst und weil sie die Einzige war, die seine
Wahrheitsliebe mit schaudernder Verehrung anerkannte, so tat es ihm wohl, sich,
wenn sie ganz stumm war, an sie zu schmiegen und sich mit ihr allein im
beruhigten Einverständnis zu fühlen.
    Pauline, sagte er im Gehen, Pauline ist grade wie Helene. Diese ertrug
nicht, dass ich handelte, Jene wird nie ertragen, dass ich liebe und nur dem Leben
lebe. Erst war ich ganz der Sklave des Herzens, nun bin ich ganz der Sklave des
Geistes. Ich soll mich beugen unter diese kleinen Zirkel! Ich soll eine Lüge in
die wenigstens mir erwiesene Wahrheit meines Herzens aufnehmen! Ich soll die
Religion, die Schule, die Wissenschaft einer Richtung überantworten, die nicht
die meine ist! Und warum? Um Minister zu bleiben? Um Paulinen nicht von ihrer
Höhe herabzustürzen? ... Ich habe diesen Staat gerettet. Ich begab mich in
Gefahren, opferte meine Freunde, diente der Gesellschaft, indem ich die Ruhe,
Ordnung, den Fleiß, die Mäßigung, die Ergebung, das Vertrauen anbahnte. Und
immer
