 im gestickten Kleide die Ränder des Altars
küsst, fühlen diese Frauen wohl eine Linderung ihrer Qual, ihres heißen Durstes
nach Wahrheit oder Schönheit? Ich glaube nicht. Ich glaube, dass Helene im
katholischen Glauben nur dieselbe Anregung findet, die Pauline von Harder bei
uns in meiner Politik fand. Dieser katholische Glaube besteht nicht aus der
Messe, der Beichte und dem Rosenkranz allein. Es ist eine so merkwürdig
unterhaltende Institution, wenn man in ihr inneres Getriebe treten darf und die
reichste, ja leidenschaftlichste Erregung für jeden übrigen Lebens-Augenblick
gewinnt, auch außer der Gottesandacht. Kann etwas lebensvoller organisirt sein
als das Ziel und Streben der katholischen Kirche? Ist sie nicht mit rüstigem
Mute wieder in den Wettkampf mit der Zeit getreten, hat sich an allen Vorgängen
der Staaten, der Kultur, der Kunst, ja selbst der Wissenschaft um so mehr
beteiligt, als wir für uns überall auf diesem Gebiete nur Niederlagen sehen?
Das Palais eines Erzbischofs ist jetzt wie das eines Ministers. Boten gehen und
kommen. Über Alles wird berichtet, für Alles ein Votum abgegeben und die
Fürsten, die schon ihren nahen Untergang vor Augen erblicken, klammern sich an
diesen Einfluss mit tiefster Unterwerfung, fördern ihn, folgen ihm, selbst wenn
sie nicht zur katholischen Kirche gehören. In diesem Kirchenleben herrscht ein
ewiges Kommen und Gehen, eine stete Anregung auch durch Männer, die den großen
Vorteil bieten, dass ihnen häusliche und Familienbeziehungen nicht auf den
Fersen folgen. Nie klappen diese Menschen gleichsam in ihren Hauspantoffeln, nie
hört man von ihnen eine Berufung auf ihre Lebensstellung, auf das Loos von Weib
und Kind. Meine arme Helene vielleicht sucht Gott, vielleicht sogar Christus,
aber sie wird auch, in Ermangelung des rechten Heilandes, vorläufig soviel
Apostel finden, dass ihr ein neues unterhaltendes Leben aufgehen muss und ihre
liebeglühende, in den Extremen lebende Seele nicht Zeit erhält, noch an das
Vergangene zu denken. Sie ist reich, sie wird sich das Leben nach allen
Dichtgattungen, tragisch, idyllisch gestalten, wie sie es bedarf. Die
Elastizität ihres Willens, die Dehnbarkeit ihres Bedürfnisses wird nie ein Ende
finden. Über Gründe, Motivirungen wird sie, die im Ewignotwendigen lebt, nie in
Verlegenheit sein. Geb' ihr der Himmel die reichsten Züge aus dem Quell des
Vergessens und netze ihre heiße Stirn mit irgend einem Tau und wär' es das
Weihwasser des Aberglaubens an den weihrauchduftenden Kirchtüren!
    Die Fürstin lenkte, da Egon's Stimme vor wehmütiger Erregung zitterte, auf
Pauline ein und berichtete über die Besuche, die heute die Geheimrätin schon in
der Frühe gemacht hatte, aus Furcht, Egon wolle dem Hofe offen, nicht versteckt
weichen, wolle eine Kabinetskrisis eintreten lassen ...
    Egon aber fuhr ausweichend fort
