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Armes Lamm, das eine Schlachtbank oder
Einen neuen Hirten finden muss!
Dies, wenn Helene es selber las, entsetzlich grausame Gedicht hatte Oleander als
einen einfachen »Schmerzensruf der schwachen Seele an die schwache«
niedergeschrieben. Für Olga war es aber ein wahrer Triumphgesang geworden. Sie
konnte diese Verse mit einer Gebehrde vortragen, als hätten sie ihre Tante
erdolchen sollen. Oleander berichtete, der Fürst hätte ihm gütig, sogar heiter
auf seine ängstliche Entschuldigung erwidert; aber Dankmar erklärte, er könnte
die fast komische Veranlassung dieser Bekanntschaft zu seinem tragischen Falle
nicht benutzen. Karlos und Posa würden ebenso geendet haben, wenn nicht Philipp
zu früh zwischen sie getreten wäre! Er ist nicht klein, dieser Egon! sagte
Dankmar. Hätte ihn Philipp leben lassen seinen Karlos, dessen erstes Wort wäre
auch Aussöhnung mit Alba gewesen, Karlos wäre selbst nach den Niederlanden
gezogen, hätte Egmont selbst hinrichten lassen, hätte selbst sich von ihm sagen
lassen, was Egmont dem milchbärtigen Ferdinand sagte: Du wirst sie nicht
verachten, weil sie mein war ... Ja! Ja! Oleander! Sie frommer, übel
mitgespielter Frühlingssänger, was ist Das für eine Welt! Welche Menschen
wetteifern mit dem Wesen, das sie geschaffen hat! Welche Titanen möchten den
Himmel stürzen und von ihm Rechenschaft fordern für seine dunkle
Geheimnisskrämerei ... ich habe Mitleid mit Egon. Er wird herabfallen von seiner
Höhe, wie in seinem Gartenpavillon der gemalte Phaeton. Alle Bernsteinspitzen
des Pfeifenkabinets seines Vaters werden nicht hinreichen, ihm noch einmal eine
einzige Zigarre zu versüßen. Er wird ein elendes Leben führen, wenn er gestürzt
ist und nur noch sich und Melanie quälen kann. Sie werden erleben, dass Melanie
von Hohenberg nicht etwa in die Kirche geht, aber für sich in ihrem Kabinet
fromm wird und eine gewisse Ausgabe des Thomas a Kempis mit wirklichen
Schmerzenstränen benetzt. Das nenn' ich doch Herzen durcheinandergerüttelt! »O
schnöde Welt!« Sagt das nicht Shakespeare? In solchen und ähnlichen
Betrachtungen und Unterhaltungen, verbunden mit der Nutzung von Büchern, Federn
und Papier lebte Dankmar bis in den Monat Mai. Das Erbe hatte man ihm in
feierlicher Sitzung überwiesen und ihm die Gründe angegeben, warum es noch unter
dem Verschluss der Richter bleiben müsste. Seine ganze Antwort war gewesen, dass er
sich ein Protokoll dieser Prozedur ausbat und die Angabe eines eisernen
Schreines machte, in dem die leichte Papiersumme verwahrt werden sollte; es
sollten auf dem Deckel vier kreuzförmig verschlungene vierblättrige Kleeblätter
von Silber ausgeprägt werden. Bis zur Anfertigung dieses Schrankes blieben die
Stadtkämmereischeine, von denen man ihm vorläufig nur den mässigsten Gebrauch
gestattete und eingeschlossen in jener hölzernen Truhe, in der einst Dankmar zu
Angerode die Dokumente gefunden hatte, im Gewahrsam der strengbewachten Kasse
des Gerichts
