 Jugend gesehen, dem Alter würden die
Riesenschatten jetzt wie die der Zwerge erscheinen. Aber dennoch, wenn wir nur
Eines, nur irgend ein uns ganz beglückendes Streben noch am Abend des Lebens
erreichten, legt sich allmälig die Furcht vor Menschlichem. Nennen Sie meinen
Zustand, wie Sie wollen, ich bin ruhiger geworden, ich könnte Rodewald begegnen
und ihm die Hand bieten zur Versöhnung; ich könnte mein ganzes vergangnes Leben
wie ein in Falten gelegtes Tuch grade ziehen, ich könnte segnen, wo ich einst
fluchte, wenn nach dem Fluche unsrer Taten nicht jede Reue zu spät käme. Ja,
ich bereue meine Verblendung, meine Hast, meine immerwährende fieberhafte Sucht
nach Bewährung meiner selbst und Erlebnis durch Andere; nein, ich entschuldige
nicht Alles, was auf meinem Herzen lastet ... ach, Egon, seit ich glücklich bin
im Bunde mit Ihnen, möcht' ich viel Gutes tun, alte Wunden heilen, alte
Versäumnisse nachholen. Es ist aber gut, dass ich es nicht tue, mein eigenes
zerflossenes Gemüt nicht in den Dingen selbst, denen es sich nähern möchte,
auch voraussetze; es gäbe nur neue bittere Erfahrungen; denn nichts rächt sich
mehr, als wenn wir da gut sein wollen, Egon, wo einmal vorausgesetzt worden ist,
dass wir schlimm sind. Was red' ich Ihnen? Was will ich? Ich möchte Sie
bestimmen, gleichgültig zu sein. Ich möchte aus den langen Schatten des Abends
und den kleinen Schatten des Mittags die Lehre ziehen, dass beide unwahr sind,
nichts uns übermäßig sorglos, nichts uns übermäßig schreckhaft stimmen soll.
Gott, Gott, könnt' ich mir die Vergangenheit zurückrufen und meine vergangenen
Torheiten durch diese im Alter gewonnene Philosophie ungeschaffen machen! Was
wollen Sie so verzweifeln, so tief auf den Grund aller Dinge sehen, so sich von
Ungeduld verzehren, dass nicht Alles eine aufgehende Rechnung gibt! Sie sind
bewundert von der Welt, Sie haben sich einen Namen im Buche der Geschichte
geschrieben, Sie haben Freunde, die Ihnen Gerechtigkeit werden widerfahren
lassen und sollte es auch erst dann sein, wenn Andre nach Ihnen kommen werden,
was, will's Gott! lange dauern soll! Sie haben philosophische Bedürfnisse, nach
denen Sie sich Ihr Leben einrichten können ...
    Der Fürst wollte widersprechen ...
    Nein, Egon, mach' ich Ihnen Vorwürfe? Soll ich denn dies Prinzip der
Selbsterhaltung, das bei Ihnen in der größten und weihevollsten Form zur Geltung
kommt -
    Ich bin kein Egoist, schaltete der Fürst mit Nachdruck ein. Ich bin nur in
der Lage, wie alle Menschen, die nach einer gewissen Vollkommenheit strebten.
Was Ihr Euch Egoismus nennt, ist uns die Gerechtigkeit und Strenge gegen uns
selbst. Wir
