 Mann, während
er etwa dreißig zählte. Aus jeder Kammersitzung kam er erschöpfter. Wenn er bei
sich anfuhr, schlich er die Treppe hinauf, warf sich in ein Kanape und verlangte
eine halbe Stunde Ruhe um sich her, da er nicht sprechen konnte und vom
leisesten Geräusch gereizt wurde. Oft zuckten ihm Muskeln des Gesichts, ohne dass
er es selber merkte. Wie tot streckte er sich dann, ließ die Arme hängen und
staunte tief in sich selber, dass diese ohnmächtige Hülle ein ihm selbst noch
fühlbares Bewusstsein enthielt. Durch narkotische Mittel hatte er oft schon auf
Schlaf gehofft. Die Natur wurde aber dadurch nur noch mehr gebrochen. Die
Gesichtsfarbe wurde gelb, ein Beweis, dass die Leber litt bei einem Ärger, den
ihm nicht etwa der Widerstand der oppositionellen Elemente verursachte, sondern
die Treulosigkeit seiner eignen Bundesgenossen und die Undankbarkeit Derer, für
die er wirkte. Egon stritt gern über Prinzipien. Eine Rede gegen die Demokratie
hob ihn, erheiterte ihn. Eine Rede gegen die Partei der reinen
Konstitutionellen, gegen die Fractionen Justus und Ähnliche verursachte ihm
Appetit für den Mittag, denn er gab Diners, bei denen er kaum mehr als einige
Löffel Suppe aß. Aber Das, was an seiner Leber nagte, war die Überzeugung von
der tiefen innern Verdorbenheit des Staates, den er verteidigte, und seiner
Organe selbst. Der Ehrgeiz der Beamten, die heimlich den Boden unter ihm
durchwühlten, konnte ihm Anfälle von Raserei machen. Er sah da Menschen, die in
stillen Zeiten emporgekommen waren, nie ein Prinzip hatten als das der
Beförderung, auch nie um ein anderes gefragt wurden, da die alte Zeit alle
Berufung an die Gewissen der Menschen ausschloss, Menschen, die nun auf
bedeutenden Posten stehend sich bei dem großen Kampfe, den er auszufechten
hatte, wie müßige Zuschauer gebehrdeten. Man beneidete ihm hier seine Stellung,
die rein eine Folge des parlamentarischen Lebens war. Ohne für das Beamtentum
gebildet gewesen zu sein, war er Staatsmann geworden. Seine Jugend, sein Mangel
an Bekanntschaft mit dem gewöhnlichen Geschäftsgange der Ressorts, die er durch
Ministerialvorstände verwalten ließ, während er sich die Prinzipien vorbehielt,
nach denen die einzelnen Fälle entschieden wurden, sein Terrorismus, der in der
Tat von Monat zu Monat zugenommen hatte und in eine brüske Reizbarkeit
ausartete, alles Das hatte angefangen, ihm seine Stellung sehr schwierig zu
machen. Er nannte die neutrale Gleichgültigkeit hochgestellter Beamten Buhlerei
mit der Revolution. Er sprach von der mephistophelischen Bosheit der gewesenen
Minister, die Gott und dem Genius des Vaterlandes hätten danken sollen, dass er
das ihnen mislungene Werk vollführte, die Hydra der Revolution bändigte, und die
statt dessen in den Kammern und der Gesellschaft eine gravitätische Ruhe
affektirten, jeden seiner Anträge erst prüften, in
