 die einen raschen Entschluss erforderte, er würde sich nicht fünf Minuten
besonnen haben, den Befehl zu erteilen, der ihm der notwendige und den
Verhältnissen angemessene erschien.
    Doch blieb es still. Nur ein schärferer Nachtauch fuhr durch die
herbstlichen Blätter ... der Fürst schloss das Fenster ...
    Noch floh ihn der Schlaf. Noch drückten zu viel der Lasten die Brust eines
Mannes, der bei der eisigen Atmosphäre der Politik doch noch nicht ganz in
seinem innersten Herzen erstarrt war.
    Was trennt mich denn von Euch, sagte er noch hinausstarrend durch die
geschlossenen Fenster in die Nacht und die Hände zusammengefaltet im Schoss
ruhen lassend, was hat denn unsere Bahnen so unterbrochen, dass sie nicht mehr
zusammengehen konnten? Standesvorurteile? Die Verschiedenartigkeit der
Interessen? Ihr denkt so, ich weiß es und eine Weile, als ich mit Eurer Hilfe an
jenem stürmischen Abende in Paulinens Villa das Testament der Mutter erobert
hatte, dachte ich selbst nicht anders. Aber schon hatte ich den Träumen
widersprochen, mit denen Ihr die Welt zu bessern gedachtet, schon mein System
der Pflichten aufgestellt Eurem System der Rechte gegenüber. Was ist zu tun,
wenn zwei streitende Gedanken plötzlich auseinandergerissen werden von dem
Leben, das dem Einen sagt: Lasse Das! und dem Andern: Tue Das! Die Aufforderung
zum Handeln kommt, so lange die Erde stehen wird, wohl an jeden Gedanken zu
früh. Immer wird ihm noch etwas an seiner Reife fehlen, immer wird ein Moment
ihm noch zu gewinnen sein, die allgemeine Übereinstimmung, und schon soll er
handeln, schon das Leben umgestalten, schon sich in der Welt, wie sie gegeben,
fest bewähren. Da hatt' ich keine Möglichkeit mehr, mit Euch zu wandeln. Die
große Aufgabe des Staatsmannes traf mich überraschend, aber nicht unvorbereitet.
Ich hatte Das, was Genf, was Bonn und Göttingen mich lehrten, nicht vergessen,
in Paris hab' ich nicht aufgehört, mein teoretisches Rüstzeug zu mehren, es zu
schärfen, rein zu erhalten vom Roste der Alltäglichkeit. Das Denken, das Lernen,
das Aufspeichern war mir, als ich mit dem Volke lebte, eine klösterliche
Vorbereitung auf einen Beruf, den mir der Zufall schenkte, denn suchen konnt'
ich ihn nicht, in dieser süssträgen Letargie nicht, die wir unter Büchern und
Frauen empfinden. Es gibt keine gefährlichere Wonne, als die Liebe einer schönen
Frau verbunden mit dem Luxus der Ideenbereicherung durch bloßes geistiges
Aufnehmen aus Büchern, Reisen, allen erdenklichen Wissensquellen, nur nicht dem
Born des eignen Arbeitensollens, des eignen Schaffens! Ionischer Himmel, die
Liebe Kleopatrens und die Bibliothek von Alexandria ... an dieser höchsten aber
gefährlichen Seligkeit des Lebens, zugleichgenossen, sind die größten Genies zu
Grunde gegangen
