 Vögel
schossen, rasch im Kreise mit hängenden Flügeln sich wendend, an den Fenstern
des Schlosses vorüber ... Egon träumte fort:
    Auch Dankmar Wildungen wird diese Schläge der Uhr hören, er wird sie zählen
wie ich, er wird auf mich vielleicht rechnen! Oder nein! Er war mir an Einsicht
schon damals überlegen, als ich ihm so zerflossen, so abenteuerlich und in der
Gefahr feige erschien! Wie war ich hastig, unsicher, von meiner Lage fast bis zu
tragischer Besinnungslosigkeit überrascht! Wie schäm' ich mich, als dieser Posa
seinem Karlos erwiderte: »Gibt es denn noch Freundschaften?« Du hast Recht. Es
gibt keine, Dankmar Wildungen! Und doch ist es eine Wahrheit, dass grade wir
Menschen, die die Welt als Götzendiener des Ich's verurteilt, die unendlichste
Sehnsucht nach Liebe haben! Grade wir Egoisten, wir Kaltgescholtenen schmachten
nach dem Tau des Verständnisses, grade wir leiden unter der Einsamkeit, die
sich um uns her wie eine wüste Steppe ausbreitet, leiden wie etwa die großen
Männer leiden müssen, die man nur in ehrfurchtsvoller Ferne bewundert und denen
aus Scheu Niemand sich zu nähern wagt, wie den höchsten trauernden Schneespitzen
der Alpen. Ich hoffte einen neuen, deutschen Armand in dir zu finden und dachte
mir darunter einen Bewunderer meines Wertes, einen Diener meiner Launen, ein
Werkzeug meiner schon damals gehegten wenn auch nicht ausgesprochenen Plane. Der
feine Kopf verstand die Absicht, die ich selbst nicht fühlte. Er sah an Louis
Armand, was ich mir unter ihm wohl dürfte gedacht haben und mistraute der
aufdringlichen Zärtlichkeit eines Hochgestellten, der in der Tat die Probe
nicht bestand. Ich verlor ihn, mit ihm Louis Armand, mit ihm Helenen, ich verlor
die selbständige Liebe und gewann vielleicht nur die sklavische ... es ist nicht
gut, die Liebe Derer nicht ertragen zu können, die sich doch auch ein wenig
selber achten.
    Der Fürst Egon von Hohenberg war wie seine Mutter. Er wühlte in den eignen
Eingeweiden und bestätigte auch darin eine Erfahrung, die man oft an großen
Männern gemacht haben will, dass ihr Denken nicht ihr Handeln ist. Ihr Denken ist
ein Auflockern der ganzen Innerlichkeit, ihr Handeln nur Eines, ein
entschlossener Aufschwung, eine energische Tat. Die weiche Empfindsamkeit der
Größe würde kein Geheimnis der Seelenlehre sein, wenn die großen Menschen ihre
Gedanken belauschen ließ und die Fülle von Erwägungen blossgäben, die sie im
Zustande der Ruhe anstellen und die sie nur in dem Augenblick bannen, wo irgend
eine Gefahr ruft, irgend ein Entschluss mit Blitzschnelle gefasst sein muss. Egon
sprach klein, ohnmächtig, zagend von sich und in diesem Augenblick hätte das
Postorn eines Kuriers ertönen, eine Depesche hätte ihm überbracht werden
dürfen,
