 gutmütigen Gatten ihr Leben zu einer Schule der Entsagung gemacht
hatte. Rodewald gestand ihrer Abneigung gegen ihn jede Berechtigung zu. Das
Tragische unserer Lebenserfahrungen, sagte er, bestünde eben in dem Zusammenstoß
von Interessen, wo jedes auf seinem Standpunkt rein und wohlbegründet wäre, und
das seinige wäre es nicht einmal im Anfange gewesen, sondern erst geworden durch
die Hingebung, die unaussprechliche Güte und das kindliche Vertrauen jenes
Mädchens, das er zur Gattin wählte und dem er kein besseres Angebinde hätte
verehren können als einen neuen Menschen. Fort von diesem Boden der Lüge, fort
aus diesen Fallstricken ewig wiederkehrender Gefahr - denn, beste Mutter, sagte
Rodewald, Das werden Sie auch als notwendig im Leben anerkannt haben, die
Versuchung darf nicht zu nahe stehen, wenn zweifelnde Augenblicke über uns
kommen. Oft hatt' ich selbst noch in Amerika, nachdem wir Frankreich, England
bereist hatten, irgend eine kleine Irrung mit Selma, irgend einen nicht
stimmenden Akkord, aber wir mussten ihn unter uns auflösen, wir konnten nicht mit
unserm Kummer falsche Tröster finden, die die Wunde statt zu heilen, nur weiter
aufrissen, wir mussten uns selber wieder erkennen und es ging. Diese Ehe hat mir
nach vielfach zerfahrner, oft poetischer Irrung - ich will nicht wie ein
Büssender sprechen - die Sammlung meiner selbst gegeben. Ich wurde zufrieden und
lernte die Grenze würdigen, die dem Leben gezogen ist.
    Anna hielt Rodewald's beide Hände und saß so ruhig neben ihm unter den
Sternen. Noch sprach er von der nächsten Zukunft, Anna billigte Alles, wenn sie
nur Selma behielt. Ihr will ich mich widmen, ihr die letzte Kraft meines Lebens
geben! sagte sie und erst nach längerm Träumen kam ihr die Frage: Und Sie,
Rodewald? Der Vater, der höhere Rechte hat, als ich? Vergeben Sie, wenn ein
Jahrelang so ungestilltes Sehnen unersättlich ist!
    Wie staunte Anna, als Rodewald von seiner Pachtung der Hohenbergischen Güter
sprach! Sie wusste nichts von Rodewald's Beziehung zur Fürstin Amanda, die ihr
eine teure Freundin in erster Jugend gewesen, aber seit der Heirat des
Generalfeldmarschalls entrückt war. Sie konnte mit stiller Freude vernehmen, dass
Selma's Vater in ehrenvollen Verhältnissen ihr so nahe bleiben würde und als sie
von seinem vorläufig angenommenen Namen Ackermann hörte, als sie sich beklagte,
dass ihr über ein Jahr lang Selma entzogen war, wo Ackermann schon in Deutschland
weilte, hatte sie jetzt nur die eine Sorge noch auszusprechen, die sich in dem
Namen Schwester Pauline! kundgab.
    Wie lebt Pauline? fragte Rodewald.
    Sie lebt, wie sie als Kind lebte! sagte Anna. Nach jedem zerbrochenen
Spielzeug ein neues. Es verschenken, verlieren, oder selbst zerstören,
gleichviel, nur rasch
