 auf ...
    In der Tat, Doktor! sagte Dystra. Es ist schaudervoll, wie weit die
mittelalterlichen Rückfälle gehen. Man wird mit ihnen grade wieder bei Tümmel's
Reisen ankommen. Rafflard hatte in Rom die Leidenschaft Olga's für die
katholische Kirche bemerkt. Der Kriticismus ihres Erziehers hatte ihr keine
Waffen in die Hand gegeben gegen den verführerischen Reiz der Musik und des
entzündeten Weihrauchs. Da findet er in Venedig dies Kind wieder, das sich ihm
mit seinem ganzen schwärmerischen Unbedacht in die Hände liefert. Weit entfernt,
sich ihr durch seine schlimme Natur verdächtig zu machen, legt es Rafflard
darauf an, Olga's Überspannung bis zum Visionären zu steigern und sich in der
hierarchischen Sphäre, wie man das jetzt sehr gut durch Extreme kann, einen
Namen zu machen. Er spricht bei Geistlichen mit ihr vor, die die Sehnsucht des
Mädchens nach diesem Extremen steigern. Hier und da eine aus den höheren Ständen
in den geistlichen getretene Nonne muss Olga in dem Vertrauen auf innere
Offenbarungen stärken. Sie wissen, dass jetzt überall Wunder der katholischen
Kirche wieder auftauchen! Bilder schwitzen Blut, an visionären Mädchen auf dem
Lande zeigen sich die Leidensmale Christi, es ist, als schwankten wieder alle
festen Normen und Naturgesetze, als ergriffe die Menschen in gewissen Gegenden
der St.-Veitstanz der Ideen, die Alles im Wirbel mit ihnen umdrehen. Dieser
Rafflard soll alle Stadien eines pädagogischen Abenteurers durchgemacht haben
und als wahrer Seelenverwüster nun damit enden wollen, Heilige zu schaffen. Er
fand in jenen mit Geistlichkeit jedes Ordens gesegneten, zur Donau auslaufenden
Bergtälern Hilfe genug, Olga zu fesseln, bei ihrem aus Liebesgründen nicht
gesteigerten Verlangen nach der Rückkehr zu den Ihrigen sie planlos
umherzuführen, bis sie in einen Zustand kommen musste, den ich mit jener Zähmung
der Schlangen in den Kästen der indianischen Zauberer vergleichen möchte, mit
jener Erstarrung durch umhüllende Decken, die eine Letargie, eine
Geistesohnmacht, eine Willenlosigkeit zurücklassen, an welcher man erlebt hat,
dass Frauen für heilig galten, sie wussten nicht wie und dass sie sich inspirirt
glaubten, sie wussten nicht von Wem, wohl aber an sich selber glaubten, an ihre
eigne Geistesverwirrung wie an ein Evangelium, das Unsichtbare ihnen zuriefen,
ja dass sie stigmatisirt waren, ohne es zu wissen ...
    Drommeldei sprang auf. Er hatte erst gelächelt, erst wirklich an Tümmel's
Reisen, die er und Schlurck ausnehmend liebten, gedacht. Nun aber überwältigte
ihn der Zorn. Er erging sich in Verwünschungen eines wahnsinnigen Zeitalters -
und hatte doch eben selbst diesem wahnsinnigen Zeitalter sich zum Opfer
dargebracht, seine Logik, seinen klaren Verstand, seinen Voltaire dem
Mittelalter und einer am Throne doppelt gefährlichen Romantik preisgegeben!
    In Linz, fuhr Dystra fort,
