
völligem Gegensatze zu dem Garçon Otto von Dystra, den die Natur verwahrlost
hatte, der seiner selbst spottete und die Bequemlichkeit nur liebte, um sich für
Entbehrungen schadlos zu halten, die er eben so gut auch ertragen konnte.
    Die tiefe Lüge in diesem Chevalier Rochus vom Westen wich von der Lüge in
dem General Voland außerordentlich ab. General Voland von der Hahnenfeder
glaubte an positive Möglichkeiten. Seine Phantasie war so schöpferisch, dass er
sogar die Wiederbelebung des Toten für möglich hielt. Er lebte in einem ewigen
Flammenschein und hatte immer Dunkel um sich, wie ein nächtlicher Adept, der
über den Stein der Weisen brütet. Er suchte eine Tinktur des Lebens auf für die
Geschichte, für die Menschheit selbst. Er glaubte an Formeln, die wie ein Ecce
homo, ein Bild des Gekreuzigten, auf Verdammte wirkten. Er war ein romantischer
Spätling der Wöllner'schen Periode und würde Geister citirt haben wie
Bischofswerder, wenn nicht der Fluch der Lächerlichkeit auf einer solchen
Nachahmung gelegen hätte, die er origineller gestaltet hätte; denn er hätte
sicher gesagt, wir wissen, dass Das Lüge ist, was wir sehen, aber unser Schauer,
unsre Erwartung, unser Zittern über das Mögliche ist keine Lüge und die
Dämmerung ist die eigentliche Poesie des Geistes. Auch ihm ging die Zeit in ganz
andrem Lichte auf, als man auf der Rednerbühne und Ministerbank der Kammern
sagen durfte. Auch ihm war der Glaube der absoluten Monarchie an ihre
Unfehlbarkeit eben so rococo, wie das konstitutionelle Wesen der Neuzeit platt
und unromantisch; er wühlte in den Offenbarungen seines Jahrhunderts und lag
immer mit dem Ohre auf der Erde, um den Maulwurf des Weltgeistes zu hören, immer
auszuspüren, wo er die Wünschelrute des Schatzgräbers hinlegen sollte. Eine
kurze Zeit hatte man ihn einmal in die Lage gebracht, handeln zu sollen,
Entschlüsse für den nächsten schwierigen Augenblick zu fassen. Da war erst eine
entsetzliche Angst, ein Zittern und Zagen über ihn gekommen. Das Regieren in
alter Form, bureaukratisch, war ihm sonst eine Geschmacklosigkeit gewesen. Aber
was sollte er an die Stelle setzen? Es ergriff ihn, da er nicht Rat wusste und
sich tief des alten Materials der Regierungskunst schämte, plötzlich die Idee
von einem allgemeinen Weltbrand. Tod, Vernichtung, Völkerkampf und aus ihm erst
ein Neues, wie ein Dämon, der sich aus dem Brande erhebt, jenem Typhon gleich in
Kalderon's wundertätigem Magus. Grossartigkeit der verworrenen Anschauungen ließ
sich dem General nicht absprechen. Auch bezweifelte man eine gewisse Güte des
Herzens nicht und fand das Teuflische, das ihm Viele imputirten, nur in seinem
Namen, d.h. - seinem Rufe. Er wirkte auf die Vögel der Unbedeutendheit wie der
Blick der Schlange. Sie zitterten vor ihm
