 der Stadt zu überlassen und den
vom vorigen Ministerium begonnenen Prozess zu Gunsten einer
pietistisch-jesuitischen Koterie - die ich klar durchschaue - fallen zu lassen,
wie ging mir da beim Anhören dieses Nebelns und Schwebelns kindisch bornirter
Gemütsgründe das Bild meiner Mutter auf! Wer ist unter Euch, der mich einer
Sünde ziehe, so konnte sie sagen solchen absolut Tugendhaften gegenüber! Sie,
die sich, um sich ganz verachtet zu machen, sich ganz zu entkleiden, ganz zu
stäupen und zu demütigen, selbst anklagte, sie, die keine gleissnerische Falte
in ihrem Leben dulden wollte und in mir dieselbe Demut, dieselbe Entsagung und
Gottergebung durch irgend einen großen Entschluss wirken wollte! Ich hatte sie
gekränkt von Kindesbeinen an ...
    Aber, Egon! So entschuldigen Sie diese Mutter? rief Pauline. Sie konnte
Jedem ihren Fehltritt, der mich damals namenlos unglücklich machte, beichten,
warum Ihnen? Sie hat Ihre Ruhe vergiftet, sie hat Ihnen den Glauben an sich
selbst genommen ...
    Denken Sie sich in diese Verirrung nicht hinein! unterbrach Egon. Sie
verstehen diesen Trieb nach Wahrheit und diese Auffoderung zur Demut nicht!
    Ich finde in der Manie der Wahrheit keine Tugend mehr.
    Sie wollte mit keiner Lüge aus der Welt gehen! Sie wollte ganz zerknirscht
sein, ganz gedemütigt vor den Menschen und vor mir, dem sie die Grenze des
Selbstgefühls wies! Einmal flammte noch die Angst in ihr auf. Sie schrieb an
Rudhard, er sollte ihre Geständnisse prüfen ...
    Ihren Namen, den Namen Ihres Vaters schänden!
    Nein! Nein! Pauline! Wenn die Tote Das sähe! Ich sitze auf den schwellenden
Polstern ihrer Feindin!
    Was ist Ihnen, Prinz?
    Als ich diese Denkwürdigkeiten, die unter Tränen geschrieben wurden, las,
dankte ich dem Zufall, dass sie Rudhard, der Ansprüche darauf machte, nicht erst
gelesen. Sie allein kennen sie. Sie allein, Pauline, wissen, dass die junge
Gräfin Hohenberg ihre erste Freiheit von einem brutalen, rohen, sinnlichen,
gewöhnlichen Gatten, dem berühmten Krieger, zu einer Badereise benutzt und in
dem Jubel einer endlich einmal erlösten Existenz, in dieser Freiheit von vier
Wochen so schwach war, den Schmeicheleien eines liebenswürdigen jungen Mannes
nachzugeben, den auch eine Kette band, auch ein Schicksal drückte ...
    Sie sind so grausam wie Ihre Mutter!
    Vergeben Sie, Pauline, ich muss es mir oft vorführen, um es von einer Mutter
verstehen zu können. Ich möchte von Heinrich Rodewald, meinem wahren Vater, eine
gute Vorstellung haben. Die Mutter schildert ihn wie einen Gott. Aber die
Erinnerung mag verschönert haben. Ist es doch ein Frühlingshauch, der über
diesen Blättern weht! Welche Seligkeit, wie sie ihre Freiheit in der
