 nicht gehen, die sich nun gleich rechts wenden und
dann sagen: So bleibt uns nur der Glaube! Ich gehe mit Denen nicht, die links
das absolute Nichts wollen. Wo gibt es also einen Mittelweg?
    Es gibt keinen Mittelweg! sagte Oleander und fügte scherzend hinzu:
    Gott oder Satan!
    Sie lächeln selbst, Oleander! fiel Siegbert ein. Und doch sind Sie auf
dieser äußersten Alternative. Ich glaube an den Mittelweg. Ich glaube an die
Möglichkeit, dass wir das Alte kritisch überwinden und für den Geist, der uns
diese Überwindung lehrte, doch auch eine Symbolik erfinden, auch eine Religion
stiften. Ich will Gebundenheit des Gefühls und auch ein Maß des Gedankens. Ich
will, dass man sich im Staate und in der Religion gebunden fühlt, gebunden durch
die ewige Schranke, die wir nicht überspringen können. Aber diese Gebundenheit
muss keine traditionellen Formen mehr haben, in der Religion nicht die
christliche Theologie mehr, in der Politik nicht mehr das feudale Staatsrecht. O
mein Freund, ich weiß wohl, dass die Weltwirkung Christi kein Genius mehr
heraufzubeschwören vermag, kein Wettkampf eines Märtyrers vermag noch mit
Christus in die Schranken zu treten, es fehlt uns Symbol, Religion, Form, Kirche
und Staat für Das, was unsre Meinung ist; aber hoffen wir doch, verzagen wir
nicht; auch die neue Religion, die neue Politik wird ihre Formen finden. Nicht
umsonst ist uns von Christus die künftige Herrschaft des Geistes verheißen
worden.
    Oleander schwieg und wollte in seinem Buche weiterlesen, als man einen Wagen
rollen hörte. Er fuhr rasch von der Gegend des Amtshauses herunter und die Frau
Pfarrerin, die mit weiblichen Arbeiten beschäftigt am Tische saß, behauptete, es
müsste Herr Ackermann sein. Der Wagen hielt vor dem Pfarrhause. Die Kinder
sprangen hinaus. Es war Ackermann, Selma, Fränzchen und die kleine Klara
Stromer, die mit einem Korbe in's Haus traten.
    Guten Abend, ihr Kinder. Guten Abend, Herr Oleander! Guten Abend, Herr
Wildungen! So still hier? Kein Jubel? Keine blechernen Trompeten? Keine
Trommeln?
    Und schon hatte Selma den Korb, den Fränzchen trug, aufgedeckt und trommelte
auf einem kleinen Tambourin, und Klara, die in das Geheimnis eingeweiht war, zog
Hedwig und Waldemar heran, um ihnen die übrigen Herrlichkeiten zu zeigen.
    Es ist St.-Niklastag, sagte Oleander, glücklich durch den unerwarteten
Besuch.
    Siegbert besann sich auf diesen Tag, an dem er in seiner Kindheit immer
schon eine Vorfreude der Weihnacht genossen und erinnerte sich seines guten
Vaters, der in einem nach außen gekehrten rauen Pelzschlafrocke und verhüllten
Kopfe den Niklas spielte. Zu Denen, die solche alte Sitten und Unsitten aus
zärtlicher Schonung der »lieben
